Eine bewegende Überraschung

In unserem Haus wohnt eine sehr betagte Dame. Sie ist wahrscheinlich um die 90 Jahre alt. Sie spricht kein Deutsch, nur Russisch. Seit Tagen überlege ich, wie ich mit ihr kommunizieren, wie ich sie fragen könnte, ob sie Hilfe braucht, bei den Einkäufen vielleicht, oder auch sonst.

In der letzten Zeit ist Etwas in mir menschlicher geworden. Es geht nicht von mir aus. Es liegt einfach in der Luft. Bei meinen täglichen Runden im Park erscheinen mir die Augen, denen ich begegne sanfter, das Lächeln aus der Ferne liebenswürdiger. „Wie viel das ausmacht“, denke ich bei mir. Selbst wenn ich es gewollt hätte, wäre mir eine solche Wandlung im Leben nicht gelungen. Und nun? Von einem Moment auf den anderen, fühle ich mich wie ausgewechselt. Vielleicht geht von der Tatsache, dass weltweit so viele Menschen gleichzeitig ähnliche Einsichten erlangen und ihre Lebensgewohnheiten ändern, eine Kraft aus, die auf uns alle wirkt?

„Ein Indiz, wie sehr wir doch alle miteinander verbunden sind“, denke ich bei mir.

Meine Nachbarin heißt Ludmilla. So viel habe ich inzwischen herausgefunden. Und ihre Telefonnummer weiß ich jetzt auch. Doch nun beginnt das Projekt erst. Ich rufe einen russischsprachigen Freund an und bitte ihn darum, mich anzurufen.

Mit dem Telefon meiner Frau rufe ich Ludmilla an und stelle auf „Lautsprecher ein“. Eine Stimme antwortet auf Russisch: „Dda?“

Von meinem Telefon, ebenfalls im Lautsprechermodus, sagt ihr mein Freund Boris, dass er der Freund ihres Nachbarn Jakob aus dem zweiten Stock sei: Wir wollten wissen, ob es ihr gut ginge, ob sie etwas benötige. Gleichgültig, was es sei. Sie könne uns ruhig darum bitten.

Ich verstehe nicht, was sie antwortet. Doch ich höre sie weinen. Mir wird schwer ums Herz. „Bestimmt kommt unsere Hilfe zu spät. Sicherlich hat sie schon großen Kummer, der sich leicht hätte vermeiden lassen“, denke ich.

„Was ist los, Boris?“, frage ich. „Warum weint sie?“ Boris antwortet mir mit leicht bebender Stimme, dass sie uns so sehr liebe und uns so dankbar sei, so dankbar, dass es Menschen wie uns gibt. Sie brauche nichts. Ihr Urenkel bringe ihr alles Notwendige. So wohltuend sei jedoch dieses ehrliche Interesse, dieser Anruf. „Sag Jaschka“, so nennt sie mich mit einer russischen Koseform meines Namens, „dass ich ihm danke.“

Spasiba Ludmilla, lasse ich gerührt ausrichten.

„Spasiba, Danke“, denn sie hat es vermocht, mein Herz ein wenig mehr zu öffnen. Mit einer ebenso einfachen, wie dringend notwendigen Handlung: Dem Interesse am Nächsten. Mag sie noch so klein und vernachlässigbar erscheinen. Für uns beide wurde sie zu einem riesigen Geschenk.

So viel Gefühl liegt in diesen Zeiten in der Luft. Ich weiß nicht, ob man sagen kann, dass die Natur klug ist. Und doch fühle ich ihren sanften Druck, der uns mehr und mehr dazu treibt, füreinander Sorge zu tragen.

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