1986/23 – Bezüglich Ehrfurcht und Freude

Artikel Nr. 23, 1985-86

Im Sohar (Aharei Mot im Sulam-Kommentar) steht geschrieben: „Dienet dem Schöpfer in Furcht und zittert vor Freude“. Und weiter: „Dienet dem Schöpfer mit Freude und kommt zu Ihm mit Jubel“. Diese Aussagen stehen im gegenseitigen Widerspruch. Wir haben allerdings gelernt, dass man dem Schöpfer mit Furcht dienen muss, denn bei jeder Arbeit, die der Mensch vor seinem Schöpfer ausführt, braucht er zunächst Furcht, und erst dann wird er würdig, die Gebote der Tora mit Freude zu erfüllen. Und darüber wurde geschrieben: „Was fordert der Schöpfer von seinem Volk? Nur Ehrfurcht, und durch sie wird es mit allem belohnt“.

Wir müssen verstehen, was Furcht bedeutet. Wir sehen, dass Furcht und Freude zwei Gegensätze sind, und wie kann die Furcht ein Grund für die Freude sein, wie geschrieben steht: „Durch die Furcht vor Seinem Schöpfer wird er würdig, die Gebote der Tora mit Freude zu erfüllen“. Widerspricht das eine nicht dem anderen?

Aber man muss auch verstehen, warum der Schöpfer gefürchtet werden will. Was bringt es Ihm? Es gleicht einem Menschen, der einen Hühnerhof betritt und zu den Hühnern sagt: „Wenn ihr mich fürchtet, gebe ich euch dafür, dass ihr mich fürchtet, zu essen und zu trinken und alles, was ihr wollt.“ Könnte man sagen, dass diesem Menschen der Respekt der Hühner wichtig ist?

So ist es mit den Geschöpfen gegenüber dem Schöpfer – welchen Wert und welche Wichtigkeit misst der Schöpfer den Geschöpfen bei, die Ihn fürchten? Es ist viel eher so, dass die Weisen sagten, dass ein Mensch nichts anderes tun soll, als sich mit der Furcht vor dem Schöpfer zu befassen, wie geschrieben steht: „Was fordert der Schöpfer von seinem Volk? Nur Ehrfurcht“. Und es steht ebenfalls geschrieben (Kohelet, 3): „Gott hat bewirkt, dass die Menschen Ihn fürchten.“ Das bedeutet, dass alles, was der Schöpfer tat, dazu diente, Ihn zu fürchten.

Um das oben Genannte zu verstehen, muss man sich an das Schöpfungsziel erinnern, also, wofür der Schöpfer die Geschöpfe geschaffen hat. Der Grund dafür ist der Wunsch des Schöpfers, seinen Geschöpfen Genuss zu bereiten. Und damit die Vollkommenheit Seiner Handlungen sich in der Welt offenbart und es das „Brot der Scham“ nicht mehr gäbe, machte Er eine Korrektur, welche „Zimzum (Einschränkung) und Verhüllung“ genannt wird. Und solange der Mensch keine Gefäße des Gebens hat, kann er Seine Existenz, genannt „Erkenntnis des Schöpfers“ weder sehen noch fühlen.

Obwohl wir jeden Tag im Gebet sagen „Die ganze Erde ist von Seinem Ruhm erfüllt”, fühlen wir das nicht, sondern müssen über dem Verstand glauben, dass dies tatschlich so ist. Und der Grund dafür ist folgender: Obwohl sich das Licht in absoluter Ruhe befindet und sich nicht verändert – nach der Regel „Es verschwindet nichts im Spirituellem“ – gibt es dennoch Änderungen vonseiten der Verlangen (Kelim), und eben sie schränken das Licht ein. Denn in den Gefäßen unterscheiden wir die Größe des Genusses – ihren Eindruck des Genusses. Wenn der Mensch keine Verlangen hat, in welche sich das Licht kleiden kann, dann erscheint auch in der Wirklichkeit kein Licht, nach der Regel „Es gibt kein Licht ohne Kli“. In anderen Worten, wir sollen wissen, dass wir nur von etwas sprechen können, das wir mit unseren Empfindungen wahrnehmen.

Baal HaSulam gab ein Beispiel über das Prinzip der Einschränkung (Zimzum). Es gleicht einem Menschen, der sich verhüllt, damit ihn keiner sehen kann. Kann man sagen, dass jener Mensch, der sich bedeckt hat, damit ihn die andere nicht sehen, sich deswegen selbst auch nicht sehen kann? Genauso machte der Schöpfer die Einschränkung, damit Ihn die Geschöpfe in der Zeit, in der sie in ihrem eigenen Egoismus versunken sind, nicht sehen können. Dies ist der Zustand, in dem sie empfangen um zu empfangen, und es ist auch der Grund für die Trennung zwischen dem Gebenden (dem Schöpfer) und den Empfangenden (den Geschöpfen).

Und da das Empfangen in unserer Wurzel, dem Schöpfer, nicht existiert, fühlt sich auch der empfangende Mensch unwohl, wenn er empfängt, was auch „Brot der Scham“ genannt wird. Und deswegen gab es eine Korrektur vonseiten der unteren – wir schreiben die Einschränkung, den Zimzum den unteren zu. Das bedeutet, gerade die Geschöpfe brauchen die Einschränkung und die Verhüllung, da sie nur mit Hilfe dieser Korrektur das Empfangen in Richtung Geben ändern können. Doch vonseiten des Schöpfers gibt es keine Änderungen. Alle Änderungen betreffen nur die Vorbereitung unserer Gefäße – wieviel wir in der Absicht zu geben empfangen können.

Da daher der Genuss und die Erfüllung an einem Ort der Trennung nicht erscheinen, kann der Mensch nicht zum absoluten Glauben kommen, solange er das eigene Verlangen zu empfangen nicht korrigiert hat. Wie in der Einführung in das Buch Sohar geschrieben steht: „Es existiert ein Gesetz, dass die Schöpfung offenbartes Böses nicht vom Schöpfer empfangen kann, denn es wäre ein Mangel des Schöpfers, wenn die Schöpfung Ihn als Bösen erkennen würde und das entspricht nicht der Vollkommenheit des Schöpfers. Wenn sich daher ein Mensch schlecht fühlt, liegt es an ihm selbst, da er in diesem Moment die Führung des Schöpfers leugnet; und im selben Maß ist der Schöpfer dann auch verhüllt.“

Und daher sehen wir die Notwendigkeit der Korrektur, die das Geben betrifft: Nicht nur, dass wir die Genüsse und Freuden, die für uns vorbereitet wurden, nicht empfangen können, gibt es hier sogar noch einen Aspekt, der uns vom Glauben an den Schöpfer entfernt, was das Allerschlimmste ist.

Jetzt können wir die Furcht verstehen. Wir fragten zuvor, wozu es der Schöpfer braucht, dass wir Ihn fürchten. Entsprechend Baal HaSulams Erklärung bedeutet Furcht, dass die größte Sorge des Menschen darin bestehen soll, dass er nicht um des Gebens willens empfangen kann, wie es verlangt ist, sondern dass er nur für sich selbst empfangen will. Denn das ist die Ursache für die Trennung – nicht nur von den Freuden, die er nicht empfangen kann, sondern auch für die Furcht, den Glauben an den Schöpfer zu verlieren. Daraus folgt, dass er unter die Herrschaft der unreinen egoistischen Kräfte (Sitra Achra) geraten kann.

Das ist die Erklärung von „Gott hat bewirkt, dass die Menschen ihn fürchten“ und dank dieser Furcht kommt eine große, doppelte Korrektur zustande: 1) Sie bekommen den Glauben an den Schöpfer und 2) werden sie die Genüsse und Freuden, die der Schöpfer ihnen geben möchte, empfangen können.

Daraus folgt, dass der Schöpfer gefürchtet werden will, damit wir Gefäße des Empfangens entwickeln, um Freude und Genuss zu bekommen, und als Folge davon entwickeln wir den Glauben an Ihn, wie im Sulam Kommentar geschrieben steht: „Die Frucht ist ein Schutz, damit wir uns nicht von Seinem Glauben entfernen.“

Und nun verstehen wir den Satz: „Was fordert der Schöpfer von seinem Volk? Nur die Furcht“. Dies bedeutet, dass uns der Schöpfer zwar das Allerbeste geben möchte, dies jedoch durch die Verschiedenheit unserer Eigenschaften verhindert wird, weil sich das Licht nicht in die Gefäße des Empfangens kleiden kann. Wenn sich daher der Mensch fürchtet, achtet er genau darauf, in der Absicht des Gebens zu sein, denn dann kann ihm der Schöpfer vollständiges Geben ohne „Brot der Scham“ schenken.

Nun verstehen wir auch, warum Furcht ein Grund für die Freude sein kann. Denn wenn der Mensch Ehrfurcht hat und immer darauf achtet, nur die Gefäße des Gebens zu verwenden, kann ihm der Schöpfer Genuss und Freude geben, da er über Gefäße des Gebens verfügt. Und natürlich wird der Mensch dann Freude am Überfluss empfinden, den er in der Absicht zu geben empfangen konnte. So sehen wir, wie die Furcht Freude erzeugt. Und wenn der Mensch keine Ehrfurcht hat, ist er von allem getrennt.

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