Die Freiheit

Die Freiheit, von Rav Yehuda Ashlag

„In Steintafeln gemeißelt (charut al haluchot)“
Lies nicht „charut“  („gemeißelt“),
sondern  „cherut“  („Freiheit“).
Um zu zeigen, dass sie vom Engel des Todes befreit sind.
(Midrash Shmot Raba, 41)

Diese Worte müssen geklärt werden. Denn wie hängt das Empfangen der Tora, d.h. des Lichtes mit der Freiheit eines Menschen vom Tod zusammen? Darüber hinaus, nachdem sie einmal einen unsterblichen, ewigen Körper durch das Empfangen des Lichtes erhalten haben – wie konnten sie ihn wieder verlieren? Kann sich denn das Ewige wandeln und abwesend sein?

Die Freiheit des Willens

Um diesen hären Begriff – „Freiheit vom Engel des Todes“ – zu verstehen, müssen wir zuerst klären, wie der Begriff der Freiheit von der Menschheit üblicherweise verstanden wird.

Es herrscht die allgemeine Ansicht, dass Freiheit ein Naturgesetz ist, das für alle Lebewesen gültig ist. So können wir beobachten, dass Tiere, die in Gefangenschaft geraten, oft leiden und sterben, wenn ihnen die Freiheit genommen wird. Das ist ein klarer Beweis, dass jegliche Versklavung eines Geschöpfes von der Vorsehung nicht akzeptiert wird. Nicht umsonst hat die Menschheit in den letzten Jahrhunderten dafür gekämpft, ein gewisses Maß an Freiheit für den einzelnen zu erreichen.

Dennoch bleiben die Vorstellungen, die sich mit dem Wort „Freiheit“ verbinden, unklar. Und wenn wir in die Tiefe der Bedeutung dieses Wortes eintauchen, bleibt beinahe nichts übrig. Wenn man Freiheit des Individuums einfordert, geht man von der Annahme aus, dass ein Individuum in sich diese Eigenschaft, welche „Freiheit“ genannt wird, besitzt und aus eigener Entscheidung und freier Wahl heraus handeln kann.

Freude und Schmerz

Wenn wir jedoch die Handlungen eines Individuums genauer betrachten, entdecken wir, dass die Handlungen zwangsläufig erfolgen. Der Mensch wird zu seinen Handlungen genötigt und hat keine Entscheidungsfreiheit. In gewisser Weise ist der Mensch wie ein Eintopf, der am Herd dahinköchelt; der Eintopf hat keine andere Wahl als zu köcheln. Die Vorsehung hat das Leben mit zweierlei Konsequenzen versehen: Freude und Schmerz. Die Geschöpfe haben nicht die Freiheit zwischen Freude und Schmerz zu wählen. Der einzige Vorteil, den der Mensch gegenüber dem Tier hat, ist, dass er ein entferntes Ziel anstreben kann. Das heißt, im Hinblick auf den in der Zukunft zu erwartenden Genuss bzw. Vorteil ist der Mensch bereit, dafür heute ein gewisses Maß an Schmerzen zu erleiden.

Solchem Denken liegt jedoch nichts anderes als eine rein kaufmännische Berechnung zu Grunde: Anzunehmen, dass die Zukunft Wohlbefinden und Freude bringt, scheint besser zu sein als gegenwärtig zu ertragender Schmerz und Pein. Der Schmerz wird wie bei einer kaufmännischen Kalkulation von der zu erwartenden Freude abgezogen und ein gewisser Restbetrag bleibt übrig.

Jedoch, einzig und allein Freude wird ausgeströmt! Und doch passiert es manchmal, dass man leidet, weil man nicht den erwarteten Genuss, d.h. den erhofften Restbetrag im Vergleich zum dafür erlittenen Schmerz erhalten hat und die Rechnung ein Minus ergibt. Das Handeln entspricht dem der Kaufleute.

Aus all dem folgt, dass in dieser Hinsicht kein Unterschied zwischen Mensch und Tier besteht. Und wenn dies der Fall ist, dann besteht überhaupt keine Entscheidungsfreiheit. Es gibt nur eine anziehende Kraft, welche jemanden zu einem vorübergehenden Genuss in welcher Form auch immer hinzieht und eine abstoßende Kraft, die den Menschen vor schmerzvollen Umständen fliehen lässt. Unter Zuhilfenahme dieser beiden Kräfte leitet die Vorsehung den Menschen, wohin immer sie es wünscht, ohne den Menschen nach seiner Meinung zu fragen.

Dem nicht genug – auch die Art des Genusses und seines Nutzens sind in keinster Weise vom freien Willen des Einzelnen beeinflussbar, sondern werden von den Wüschen der umgebenden Gesellschaft festgelegt. Diese will etwas Bestimmtes. Zum Beispiel: Ich sitze, ich kleide mich, ich spreche, ich esse. Alle diese Dinge tue ich nicht, weil ich mich entschieden habe, in einer bestimmten Art zu sitzen, zu sprechen, zu essen oder mich zu kleiden. Ich tue diese Dinge auf diese bestimmte Art, weil die anderen wollen, dass ich in dieser Weise sitze, mich kleide, spreche und esse. All dies geschieht in Anpassung an die Wünsche und den Geschmack der Gesellschaft und nicht aufgrund meines eigenen freien Willens.

Ferner handle ich in den meisten Fällen sogar gegen meinen Willen. Denn meistens fühle ich mich viel wohler, mich in meinem Benehmen anzupassen als die Bürde zu tragen, gegen den Strom zu schwimmen. Aber ich bin in jeder meiner Bewegung auf Schritt und Tritt durch eiserne Ketten in den Gewohnheiten und Sitten der Gesellschaft gefangen.

Wenn dem so ist, so sagt mir, wo ist meine Freiheit zu wählen und zu entscheiden? Andererseits, wenn wir annehmen, dass wir keine Freiheit haben zu wählen, dann sind wir wie Marionetten, funktionieren und handeln äußeren Kräften gemäß, die bestimmen wie und was geschieht. Das bedeutet, dass wir alle im Gefängnis der Vorsehung eingekerkert sind, welche durch die Anwendung dieser zwei Mittel – Freude und Schmerz – uns nach ihrem Willen dirigiert und uns stößt, wohin auch immer sie es für richtig erachtet.

Daraus könnte man schließen, dass es in der Welt so etwas wie Egoismus nicht gibt, da hier keiner frei ist und keiner auf eigenen Füßen steht. Ich bestimme nicht die Handlung und ich bin nicht der Handelnde, weil ich handeln möchte, sondern ich „werde gehandelt“, gezwungenermaßen, ohne nach meiner eigenen Meinung gefragt zu werden. Daraus geht hervor, dass keine unserer Taten belohnt oder bestraft werden kann.

Und das ist nicht nur für den Orthodoxen befremdend, der an die Fürsorge des Schöpfers glaubt, auf Ihn baut und darauf vertraut, dass er in all seinen Handlungen dem Guten zustrebt. Es ist sogar für jene seltsam, die an die Natur glauben, da wir alle entsprechend dem oben Gesagten in den Banden der blinden Natur gefangen wären, ohne Bewusstsein und Verantwortlichkeit. Und wir, die erwählte Spezies, Geschöpfe von Verstand und Wissen, wären ein Spielzeug in den Händen der blinden Natur, die uns in die Irre führt.

Das Gesetz der Kausalität

Eine so wichtige Sache zu verstehen ist es wert, sich Zeit zu nehmen sie zu besprechen: Wie existieren wir in der Welt im Sinne der Persönlichkeit des „Ich“ – dass jeder von uns sich als einzigartiges Wesen betrachtet, das aufgrund seiner eigenen Entscheidung handelt, unabhängig von äußeren, fremden und unbekannten Kräften. Und wodurch enthüllen wir die Persönlichkeit des Ichs?

Es ist eine Tatsache, dass ein umfassendes Band all die einzelnen Teile der Realität miteinander verbindet und durch Ursache und Wirkung am Gesetz der Kausalität festhält. Wie in der Gesamtheit (Makro), so auch in jedem einzelnen Teilchen (Mikro). Alles Geschaffene, jedes Geschöpf auf der Welt, von den vier Erscheinungsformen – der unbelebten Natur, der Pflanzen, der belebten (tierischen) und der sprechenden (menschlichen) – alle unterliegen durch Ursache und Wirkung dem Gesetz der Kausalität.

Sogar jedes Detail einer bestimmten Verhaltensweise, an der eine Kreatur eine Weile festhält, ist durch Ursachen, die von früher her stammen hervorgerufen; gezwungenermaßen übernimmt die Kreatur spezifische Änderungen der Verhaltensmuster – und keine anderen. Und dies ist für jeden offensichtlich, der die Natur aus rein wissenschaftlicher Sicht, ohne jegliche Voreingenommenheit erforscht. Deshalb müssen wir dieses Thema analysieren, um die Möglichkeit zu haben, es von allen Seiten und Punkten zu betrachten.

Vier Faktoren

Bedenke, jede Erscheinungsform, die unter den Geschöpfen der Welt auftritt, darf nicht als etwas Existentes, welches aus dem vorher Nicht-Existenten kommt, verstanden werden, sondern muss als Existenz aus dem Bestehenden betrachtet werden, die aus etwas Seiendem hervorgegangen ist und ihre vorhergehenden Form abgelegt hat, um die jetzige anzunehmen.

Daher müssen wir verstehen, dass an jeder Erscheinungsform auf der Welt vier Faktoren beteiligt sind und diese vier gemeinsam die jeweilige Erscheinungsform hervorbringen. Diese Faktoren sind:

  1. Die Grundlage
  2. Die unveränderlichen Eigenschaften der Grundlage gemäß Ursache und Wirkung
  3. Innere Faktoren, welche sich gemäß Ursache und Wirkung aufgrund der Wechselwirkung zu fremden Kräften verändern.
  4. Ursache und Wirkung fremder Kräfte, die von außen auf die Grundlage einwirken.

Ich werde einen Faktor nach dem anderen erklären:

Der erste Faktor: „Die Grundlage“ – das ursprüngliche Ausgangsmaterial

  1. Die Grundlage ist das erste Ausgangsmaterial für jedes Lebewesen. Denn „es gibt nichts Neues unter der Sonne“ und jedes Ereignis auf unserer Welt ist nicht eine „Existenz aus dem Nichts“, d.h. es ist nicht aus dem vorher nicht da gewesenen entstanden, sondern vielmehr ist es „Existenz aus Existenz“. Das heißt, das Bestehende legt die vorangegangene Form ab und nimmt eine neue Form an, welche sich von der vorhergehenden unterscheidet. Und diese Essenz, welche die vorhergehende Form abgelegt hat, wird als „die Grundlage“ definiert. In ihr liegt die Kraft, die dazu bestimmt ist, am Ende der jeweiligen Daseinsform offenbart und festgelegt zu werden. Daher ist es gewiss gerechtfertigt, es als die erste und grundlegende Ursache anzusehen.

Der zweite Faktor: Ursache und Wirkung, die sich aus der Grundlage selbst ableiten

B. Der zweite Faktor ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung bezogen auf die der Grundlage eigenen, unveränderlich bleibenden Eigenschaft. Zum Beispiel führt der im Boden verrottende Weizenhalm zum Wachsen vieler neuer Weizenhalme. Die Verrottungsphase des Weizens wird als „die Grundlage“ bezeichnet. Die Essenz des Weizens hat seine alte Gestalt – die Weizenform – abgelegt und die Form des verrottenden Weizens angenommen, der nun die Saat enthüllt, welche nun jegliche Gestalt und Form entbehrt. Jetzt da der Weizenhalm verrottet ist, wurde er würdig, sich in eine andere Hülle zu kleiden – in die Form von vielen Weizenhalmen – die aus dieser Grundlage – der Saat – hervorgekommen sind und wachsen.

Und es ist allseits bekannt, dass diese Grundlage weder dazu bestimmt ist, Gerste noch Hafer zu werden, sondern sie kann nur ihrer vorhergehenden Form entsprechen, derer sie sich entledigt hat und die ein einzelner Weizenhalm war. Und obwohl sie sich in einem bestimmten Ausmaß verändert, sowohl in Qualität als auch in Quantität, da sie in der vorangegangenen Hülle ein einzelner Halm war und nun zu zehn oder zwanzig Halmen geworden ist und sich auch in Geschmack und äußerer Erscheinung verändert hat, ist die Form des Weizens im Wesentlichen unverändert geblieben. Daher gibt es eine Ordnung von Ursache und Wirkung, die der Eigenschaft der Grundlage zugeschrieben ist, die sich niemals ändert, da Gerste niemals aus Weizen hervorgehen wird, wie bereits geklärt wurde. Dies wird der zweite Faktor genannt.

Der dritte Faktor: Innere Ursache und Wirkung

  1. Der dritte Faktor ist das Verhältnis von „Ursache und Wirkung“ im Inneren der Grundlage, welche sich aufgrund der Wechselwirkung mit den umgebenden fremden Kräften aus dem Umfeld ändert. Das bedeutet, dass wir entdecken, dass aus einem in der Erde liegenden Weizenhalm viele hervorgehen, die manchmal größer und besser sind als der vorangegangene.

Daher müssen hier zusätzliche Faktoren mitgewirkt haben, wobei verborgene Kräfte der Umwelt mit der Grundlage zusammengearbeitet haben. Und aufgrund dessen tritt der Zuwachs an Qualität und Quantität, der in der vorhergehenden Erscheinungsform des Weizens nicht sichtbar war, nun in Erscheinung. Diese zusätzlichen Faktoren sind Mineralien und Nährstoffe der Erde, Regen und Sonne. All dies wirkt auf die Grundlage ein, die Kräfte werden zur Kraft der Grundlage selbst hinzugefügt und verbinden sich mit ihr; durch Ursache und Wirkung kommt es zu einer Vervielfachung von Qualität und Quantität in der neuen Erscheinungsform.

Wir sollten verstehen, dass sich der dritte Faktor mit der Grundlage in seinem Inneren verbindet, da die verborgene Kraft der Grundlage über diese Kräfte herrscht. Diese Veränderungen dienen zu guter Letzt dem Weizen und nicht einer anderen Pflanze. Daher betrachten wir dies als innere Faktoren. Jedoch unterscheiden sie sich vom unveränderlichen zweiten Faktor in jeder Hinsicht – denn der dritte Faktor verändert sich sowohl in Qualität als auch in Quantität.

Der vierte Faktor: Ursache und Wirkung durch fremde Kräfte

Der vierte Faktor ist das Verhältnis von Ursache und Wirkung durch fremde Einflüsse, die von außen einwirken. Es sind nicht jene gemeint, die eine direkte Verbindung mit dem Weizen haben, wie Mineralien, Regen und Sonne, sondern jene ohne direkte Verbindung und die ihm fremd sind, wie benachbarte Pflanzen, äußerliche Ereignisse, wie Hagel, Sturm etc.

Und wir entdecken, dass sich während der gesamten Wachstumsphase diese vier Faktoren mit dem Weizen vereinen. In jeder einzelnen Situation ist der Weizen dem unterworfen und wird von diesen Vieren geformt. Qualität und Quantität jeder Phase wird von ihnen bestimmt. So wie wir es am Beispiel des Weizens veranschaulicht haben, ist es in allem, was auf der Welt in Erscheinung tritt, selbst Gedanken und Ansichten unterliegen diesem Gesetz.

Wenn wir uns zum Beispiel die geistige Haltung eines bestimmten Individuums vorstellen, sei eine Person religiös oder nicht religiös, oder extrem orthodox oder doch nicht so extrem, oder irgendwo dazwischen – so werden wir verstehen, dass diese innere Haltung durch die oben erwähnten vier Faktoren festgelegt wird.

Ererbter Besitz

Der erste Faktor ist die Grundlage, welches sein Ausgangsmaterial darstellt. Denn der Mensch ist erschaffene Existenz aus Existenz, das heißt, er ist die Frucht seiner Vorfahren. In einem gewissen Maße ist das wie das Kopieren von einem Buch in ein anderes, und so verfügt der Mensch oft über die Eigenschaften seiner Vorväter.
Der Unterschied liegt jedoch darin, dass sie in abstrakter Form vorliegen. Ähnlich dem ausgesäten Weizen, der als Saat betrachtet wird, bis er gekeimt ist und seine vorherige Form abgelegt hat. So ist es auch mit dem Samen, aus dem der Mensch geboren wird. Gestalt, Form und Aussehen der Vorväter liegen im Samen als abstrakte Kraft vor.

Die gleichen Konzepte, die von den Vorvätern als Kenntnisse oder Wissen erreicht wurden, haben sich nun als Neigungen im Menschen manifestiert, welche man Instinkte bzw. Gewohnheiten nennt, nach denen der Mensch handelt ohne zu wissen, warum er auf diese Weise agiert. Obwohl dies verborgene Kräfte sind, erbt er diese von seinen Ahnen. Denn wir bekommen von unseren Vorvätern nicht nur die materiellen Besitztümer durch Vererbung, sondern auch die spirituellen Besitztümer. Sämtliche Kenntnisse, mit welchen sich unsere Vorväter beschäftigt haben, erhalten wir als Erbe von Generation zu Generation.

Und hier offenbaren sich und entstehen die verschiedensten Neigungen, welche wir unter den Menschen finden, wie die Bereitschaft zu glauben oder zu hinterfragen; sich eher um das materielle Wohl zu sorgen oder sich für Ideale zu begeistern; oder die Verachtung eines Lebens, in welchem keine Freude zu finden ist; die Verachtung von Geiz, Versagen, Unverschämtheit, Schüchternheit.
Denn all die Vorstellungen der Menschen entspringen nicht ihrem eigenen Verdienst, sondern sind nur Hinterlassenschaften, die sie von ihren Vorfahren und Ahnen geerbt haben. Es ist bekannt, dass es einen speziellen Platz im Gehirn des Menschen gibt, wo diese Neigungen verankert sind. Dieser heißt Unterbewusstsein (oder verlängertes Mark, Medulla Oblongata) und alle genannten Neigungen und Anlagen befinden sich dort.

Obgleich die Konzepte unserer Vorfahren, welche sie sich durch ihre Erfahrungen angeeignet haben, in uns zu Neigungen transformiert wurden, sind sie wie der ausgesäte Weizen, der seine alte Form ablegt und sich als Samen offenbart, und nur die potentiellen Kräfte in ihm sind dazu bestimmt, eine neue Form anzunehmen. In Bezug auf uns sind diese Neigungen dazu bestimmt, Formen von Gedanken bzw. Kenntnisse zu bilden. Dies wird als das erste Material angesehen. Und dies ist der erste wichtige Faktor, welcher „die Grundlage“ genannt wird. In der Grundlage sind alle Kräfte aus allen Tendenzen und Neigungen gespeichert, die sie von Ihren Vorfahren geerbt hat.

Beachte jedoch, dass einige dieser Neigungen in ihrer negativen Form zum Ausdruck kommen, in einer Form, die im Gegensatz zu denen der Vorfahren steht. Das ist der Grund, warum gesagt wird: „Alles was im Herzen des Vaters im Geheimen verborgen ist, offenbart sich im Sohn.“

Die Grundlage legt ihre vorhergehende Form ab, um sich in eine neue zu kleiden. Das Abschütteln der Denkweise der Vorfahren geschieht entsprechend dem Beispiel des Weizens, der in der Erde verrottet und die gesamte vorangegangene Form verliert. Indessen hängt die Grundlage noch immer von den drei anderen Faktoren ab.

Der Einfluss des Umfeldes

Der zweite Faktor ist der direkte Kausalzusammenhang, in Bezug auf die Eigenschaften der Grundlage, welche sich nicht verändern. Wie wir an Hand des Weizens erklärt haben, bedeutet das, dass die Umwelteinflüsse, denen die Grundlage ausgesetzt ist, wie z.B. Bodenqualität, Mineralien, Regen, Luft und Sonne auf die Saat einwirken und zwar wie wir bereits erwähnten, in einer langen Verkettung von Ursache und Wirkung, während eines langen und langsamen Prozesses, Stufe um Stufe, bis der Weizen reift.

Die Grundlage hat ihre vorherige Form, die Form des Weizens wieder angenommen, jedoch mit einem Unterschied in Qualität und Quantität. Die allgemeine Erscheinung bleibt jedoch vollkommen unverändert – es wachsen weder Gerste noch Hafer aus ihm. Der Weizen verändert sich in seinem Einzelaspekt der Quantität – aus einem einzigen Halm gehen zehn oder zwanzig Weizenhalme hervor, und auch in der Qualität – die besser oder schlechter als in der vorhergehenden Form des Weizens ist.

So auch hier. Der Mensch als „Grundlage“ ist in einem Umfeld – in der Gesellschaft – eingebettet. Ob er will oder nicht, wird er durch sie beeinflusst, wie der Weizen von der Umwelt, denn die Grundlage ist nur das Rohmaterial. Durch den Austausch und Kontakt mit seinem Umfeld und den Umgang mit der Gesellschaft wird er daher von diesem während eines stetigen Prozesses und durch die Verkettung von aufeinander folgenden Situationen, durch Ursache und Wirkung geprägt.

Während dieser Zeit verwandeln sich die Neigungen, die in seinem Wesen integriert sind, und nehmen die Form von Konzepten an. Angenommen jemand erbt von seinen Vorfahren die Neigung zum Geiz, dann formt er in sich Konzepte und Betrachtungen, die ihn schließen lassen, dass es gut sei, geizig zu sein. Daher kann er, auch wenn der Vater großmütig war, von ihm die negative Neigung zu Geiz geerbt haben, denn der Geiz ist im Erbgut vorhanden.

Oder ein anderer erbt die Anlage, aufgeschlossen zu sein. Er bildet in sich Meinungen und folgert aus ihnen, dass es gut sei, aufgeschlossen zu sein. Aber wo findet er den Sinn und die Gründe dafür? Er nimmt sie aus dem Umfeld ohne zu wissen, dass das Milieu ihm die Meinungen und Richtungen eingepflanzt hat.

Und so hält der Mensch diese Meinungen für seine eigenen; er meint, sie sich aus eigenen freien Überlegungen angeeignet zu haben. Hier besteht ebenso wie beim Weizen ein allgemein unveränderlicher Teil der „Grundlage“ entsprechend der ererbten Neigungen der Vorväter. Das ist der zweite Faktor.

Gewohnheiten werden zur zweiten Natur

Der dritte Faktor ist das Verhalten durch direkten Kausalzusammenhang, den das Wesen durchläuft und sich dadurch verändert. Denn weil sich die ererbten Neigungen des Menschen durch das Umfeld verändert haben, arbeiten diese in die Richtung, die diese Konzepte festlegen. Zum Beispiel kann ein Mensch mit geiziger Natur, der durch die Gesellschaft seine Neigung in ein Konzept umgewandelt hat, nun Geiz mit verstandesmäßigen Definitionen verstehen.

Möglicherweise schützt er sich selbst durch dieses Verhalten, um von niemandem abhängig zu sein. Sollte er diesen Schutz eine Zeit lang nicht benötigen, wird er vielleicht fähig, diese Gewohnheit loszulassen. Und daraus folgt, dass er die ursprüngliche Neigung, die er von seinen Vorfahren geerbt hat, zum Besseren verwandelt hat. Gelegentlich gelingt es jemandem, die schlechte Neigung völlig abzulegen. Es ist dies durch Gewohnheit geschehen, die zur zweiten Natur wurde.

Darin ist die Kraft des Menschen größer als die der Pflanzen. Denn der Weizen kann sich nicht wandeln, während der Mensch die Möglichkeit hat, seine Persönlichkeit zu verändern – durch die Kraft der umfeldbedingten Ursache und Wirkung. Er kann sogar eine Neigung vollständig ablegen und in ihr Gegenteil verkehren.

Äußere Faktoren

Der vierte Faktor ist Verhalten durch Kausalzusammenhänge, die auf die Grundlage durch äußere Kräfte, die ihr vollkommen fremd sind, wirken. Sie wirken von außen auf sie. Gemeint sind jene Kräfte, die nicht mit der Entwicklung der Grundlage in Zusammenhang stehen, jedoch indirekt arbeiten. Wie zum Beispiel Geldangelegenheiten, alltägliche Belastungen oder Aufregungen etc. die vollständig, langsam und nach und nach durch „Ursache und Wirkung“ auf die Situationen einwirken. Sie verändern die Konzepte des Menschen zum Besseren oder Schlechteren.

Daher habe ich die vier natürlichen Faktoren vorangestellt, denn jeder unserer Gedanken, alle Meinungen und Ideen, die in uns hochkommen, sind ausschließlich durch sie hervorgerufen. Selbst wenn jemand den ganzen Tag lang sitzen und meditieren würde, könnte er nichts hinzufügen oder verändern, sondern nur das, was diese vier Faktoren ihm vorgeben. Jegliches Mehr ist nur hinsichtlich der Quantität möglich – sei er ein großer oder ein kleiner Geist, an Qualität kann er kein Fünkchen hinzufügen. Die vier Faktoren legen also den Charakter, die Hülle der Ideen und die unweigerliche Entwicklung fest, ohne uns um unsere Meinung zu fragen. Daher sind wir in den Händen dieser vier Faktoren wie Ton in den Händen des Töpfers.

Freie Wahl

Wenn wir diese vier Faktoren untersuchen, entdecken wir, dass wir, auch wenn unsere Kräfte nicht ausreichen, um dem ersten Faktor – der Grundlage, zu trotzen, trotzdem die Möglichkeit und die freie Entscheidung haben, uns vor den drei anderen Faktoren zu schützen, durch die die Grundlage in ihren Einzelteilen verändert wird. Manchmal verändert sie sich auch in ihrem allgemeinen Teil, durch Gewohnheit, die sie mit einer zweiten Natur versieht.

Das Umfeld als Faktor

Sich vor den anderen Faktoren zu schützen bedeutet, dass wir hinsichtlich der Auswahl unseres Umfeldes, wie Freunde, Bücher, Lehrer usw. immer weiteres hinzufügen können. So wie jemand, der von seinem Vater ein paar Weizenhalme geerbt hat, um diese zu vermehren. Er braucht eine Umgebung für seine Grundlage, mit fruchtbarer Erde, die alle notwendigen Mineralien und Rohstoffe enthält, um den Weizen reichlich zu nähren. Hinzu kommen die Mühe und Plage, mit denen die Umweltbedingungen verbessert und an die Bedürfnisse und das Wachstum der Pflanze angepasst werden. Denn der Weise tut gut daran, nur die besten Bedingungen zu wählen, und seine Arbeit wird gesegnet sein. Doch der Narr nimmt von allem und jedem, was immer ihm über den Weg läuft und so wird jener zum Fluch anstatt zum Segen säen.

Somit hängt all sein Ruhm und Preis von der Wahl des Umfeldes ab, in das der Weizen gesät wird. Sobald er jedoch am ausgewählten Ort ausgesät ist, hängt seine endgültige Form davon ab, in welchem Maße die Umgebung imstande ist, ihn zu versorgen.

Entsprechend dem oben Gesagten gibt es keine Willensfreiheit, sondern wir werden ausschließlich von den vier oben erwähnten Faktoren geprägt. Und gezwungenermaßen denken wir und bilden uns unsere Meinungen so wie diese es uns vorgeben, und wir können weder prüfen noch etwas ändern, so wie der Weizen in seiner Umgebung.

Es besteht jedoch die Willensfreiheit, sich erst ein solches Umfeld zu erwählen – Bücher und Lehrer – die einen mit guten Konzepten versehen. Doch wenn jemand dies nicht tut und er sich von allem Möglichen beeinflussen lässt und jedes Buch, das ihm in die Hände fällt, liest, gerät er möglicherweise in ein schlechtes Umfeld, oder er wird seine Zeit mit wertlosen Büchern verschwenden, die es in Hülle und Fülle gibt und die leicht zu lesen sind. Diese verleiten ihn zu schädigenden Auffassungen und führen ihn in Sünde und Verderbnis. Mit Gewissheit wird dieser bestraft, jedoch nicht aufgrund seiner bösen Gedanken und Taten, denn die kann er nicht beeinflussen, sondern er wird dafür bestraft, dass er nicht das gute Umfeld auswählte. Denn wie wir gesehen haben, hat er darin definitiv die Möglichkeit einer Wahl.

Daher ist derjenige, der ständig darauf bedacht ist, ein besseres Umfeld zu wählen, des Lobes und der Belohnung würdig. Aber auch hier: nicht wegen seiner guten Taten oder Gedanken, die ihm zufließen, ohne dass er sie gewählt hat, sondern wegen seiner Anstrengungen, sich einer guten Beeinflussung auszusetzen, die ihm diese guten Gedanken und Taten zufließen lässt. Wie Rabbi Yehoshua Ben Prechya sagte: „Schaffe dir einen Rabbi und kaufe dir einen Freund.“

Die Unabdingbarkeit, sich ein gutes Umfeld zu erwählen

Daher ist die Antwort, die Rabbi Yosi Ben Kisma (Avot 86) gab, nur zu verständlich geworden. Er antwortete, als ihm angeboten wurde, in der Stadt einer anderen Person zu leben und mit Tausenden von Goldmünzen bezahlt zu werden: „Selbst wenn du mir alles Gold und Silber und alle Juwelen der Welt geben würdest – ich werde einzig und allein an einem Ort der Tora leben.“ Diese Worte erscheinen für einen einfachen Geist zu edel, um erfasst werden zu können. Denn wie kann es sein, dass einer Tausende von Goldmünzen verschmäht, nur um an einem Ort zu leben, an dem es Schüler der Tora gibt, wo er doch selbst ein großer Weiser war, der von niemanden belehrt werden konnte? Das ist in der Tat ein großes Rätsel.

Wie wir aber gesehen haben, ist das ganz einfach und sollte von jedem erkannt werden. Denn obwohl jeder „seine eigene Grundlage“ hat, enthüllen sich die Kräfte nicht einfach von selbst, sondern durch das Umfeld, in dem sich einer aufhält, genauso wie der Weizen, der in den Boden gesät wird und dessen Wachsen von den Umwelteinflüssen, die auf ihn einwirken, wie Erde, Regen und dem Licht der Sonne abhängig ist.

Daher hat Rabbi Yosi Ben Kisma richtigerweise angenommen, dass, falls er das gute Umfeld, welches er erwählt hatte, verlassen und in ein schädigendes geraten würde, also an einen Ort, an dem es keine Tora-Schüler gäbe, dann wären nicht nur seine vorherigen Konzepte in Frage gestellt. Auch alle anderen Kräfte, die noch in seiner Grundlage versteckt schlummern und die er noch nicht enthüllt hatte, würden sich nicht weiter offenbaren, sondern verdeckt bleiben. Durch das falsche Umfeld würden diese verborgenen Kräfte nicht erweckt und nicht zu aktiven Kräften transformiert werden.

Und so wie wir oben erklärt haben, wird einzig und allein in Hinsicht der Wahl des Umfeldes das Ausmaß der Regentschaft des Menschen über sich selbst bestimmt, und er wird aufgrund dieser Wahl wert, Lob und Ehre oder aber Bestrafung zu erhalten. Daher braucht man nicht überrascht zu sein, wenn ein weiser Mann wie Rabbi Yosi Ben Kisma die Wahl des Guten trifft und das Schlechte ablehnt und sich nicht von materiellen und physischen Dingen beeinflussen lässt, wie in seiner Schlussfolgerung hier: „Wenn einer stirbt, nimmt er weder Gold noch Silber, noch Juwelen mit sich, sondern nur seine guten Taten und Tora.“ Und daher warnten uns die Weisen: „Schaffe dir einen Rabbi und kaufe dir einen Freund.“ Und wähle daher auch die richtigen Bücher. Denn allein darin kann jemand gerügt oder gelobt werden, nämlich in Hinsicht seiner Wahl des Umfeldes. Wenn einer einmal dieses Umfeld gewählt hat, ist er in diesem wie Ton in den Händen des Töpfers.

Die Macht des Verstandes über den Körper

Ein weiser Mann der Gegenwart hat über das Thema meditiert und erkannt, dass der Verstand des Menschen wie eine Frucht ist, die durch Lebenserfahrungen wächst. Er kam zu der Schlussfolgerung, dass der Verstand den Körper nicht lenken kann, sondern allein die Ereignisse des Lebens, die in die Gehirnbahnen eingeprägt sind, steuern und aktivieren den Menschen. Der Verstand des Menschen ist wie ein Spiegel, der die Formen wiedergibt und obwohl der Spiegel Träger diese Formen ist, kann er die Formen, die sich in ihm spiegeln, nicht aktivieren oder bewegen.

Genauso der Verstand. Obwohl in ihm die Ereignisse des Lebens in all ihren kausalen Zusammenhängen aufgenommen und ihm bekannt sind, hat er keine Macht über den Körper – er kann ihn weder näher zum Guten hin bewegen noch weg vom Schlechten, da das Spirituelle und das Körperliche vollständig voneinander getrennt sind. Es gibt keine Verbindung zwischen den beiden, über die der spirituelle Verstand den materiellen Körper in Bewegung setzen und ihn beeinflussen könnte. Und das wurde in aller Länge beschrieben.

Dort aber, wo die Schärfe des Verstandes einsetzt, liegt auch ihr Fehler, da die Vorstellungskraft im Menschen den Verstand genauso benutzt wie die Augen das Mikroskop, die ohne ein Mikroskop kein schädliches Kleinlebewesen erkennen könnten. Aber nachdem der Mensch mithilfe eines Mikroskops den Schädling erkennen konnte, entfernt er sich von diesem.

Somit ist es das Mikroskop, welches dem Menschen dabei hilft, Schaden zu meiden, da der Schädling ansonsten unerkannt bliebe. Und in dieser Hinsicht beherrscht der Verstand tatsächlich vollkommen den Körper des Menschen, indem er es ihm erlaubt, das Schlechte zu meiden und sich dem Guten zu nähern. D.h. dort, wo die Möglichkeiten des Körpers nicht groß sind, und er nicht in der Lage ist, Schaden oder Nutzen zu unterscheiden, entsteht eine Notwendigkeit am Verstand.

Wenn der Mensch versteht, dass der Verstand ein sicheres Zeichen der Lebenserfahrung ist, kann er auch den Verstand und die Weisheit eines anderen Menschen annehmen, dem er vertraut, indem er das in den Rang eines Gesetzes erhebt, ungeachtet der Tatsache, dass seine eigene Lebenserfahrung zum Erhalt solcher Weisheit unzureichend ist. Das gleicht einem Menschen, der einen Arzt nach Rat fragt, ihn anhört und den Ratschlag ausführt, obwohl er die Behandlung mit seinem Verstand nicht versteht. Auf diese Weise nützt er den Verstand anderer, was ihm nicht weniger hilft als sein eigener Verstand.

Und wie wir bereits zuvor geklärt haben, existieren zwei Wege der Lenkung, die es dem Menschen garantieren, dass er das herrliche Ziel erreichen wird:

  1. Der Weg des Leidens
  2. Der Weg der Tora (des Lichtes)

Die ganze Klarheit des Weges der Tora (des Lichtes) leitet sich davon ab. Denn diese klare Vernunft wurde durch eine lange Kette von Erfahrungen im Leben der Propheten und anderer Kabbalisten enthüllt und wiederholt bestätigt. Der Mensch nützt diese Erfahrungen zur Gänze und profitiert von ihnen als wäre es seine eigenen. Dadurch wird der Mensch von der bitteren Lebenserfahrung befreit, die er hätte selbständig machen müssen, bevor sich nicht in ihm selbst dieser gesunde Menschenverstand entwickelt hätte. So spart er beides, Zeit und Qual.

Dies kann mit einem kranken Mann verglichen werden, der den Anordnungen des Arztes nicht Folge leisten will, solange er nicht selbst verstanden hat, auf welche Weise ihn der Ratschlag heilen würde und deshalb Medizin zu studieren beginnt. Er könnte an seiner Krankheit sterben, bevor er sich das Wissen der Medizin angeeignet hat.

So steht der Weg des Leidens dem Weg der Tora gegenüber. Derjenige, der nicht an die Weisheit der Tora und der Kabbalisten glaubt, ohne es zu verstehen, muss selbst zu diesen Einsichten kommen. Indem er die Verkettung von Ursache und Wirkung der Ereignisse in seinem Leben erkennt und die Erfahrungen, die hastig vorbeiziehen, einbezieht, bleibt er doch fähig, einen Sinn für das Erkennen des Bösen zu entwickeln. Und zwar hat er eine Wahl, indem er sich anstrengt, eine gute Umgebung anzustreben, die ihn zu guten Gedanken und Handlungen führen wird.

Die Freiheit des Individuums

Nun haben wir ein grundlegendes Verständnis der Freiheit des Individuums. Wie auch immer, bezieht sich dies nur auf den ersten Faktor, auf die Veranlagung, die die erste Grundlage jedes Menschen ist. Es sind all die charakteristischen Züge, die wir von unseren Vätern und Vorvätern geerbt haben, worin wir uns voneinander unterscheiden.

Denn auch wenn Tausende von Leuten das gleiche Umfeld teilen, sodass die anderen drei Faktoren gleichermaßen auf sie einwirken, wird man dennoch keine zwei Leute finden, die die gleichen Eigenschaften haben. Weil nämlich jeder von ihnen sein/ihr eigenes, einzigartiges Beet hat. Dies ist wie beim Beet des Weizens, das obwohl es sich durch die Einwirkung der verbleibenden drei Faktoren stark verändert, trotzdem immer seine vorgegebene Form des Weizens beibehält und niemals eine andere Form annehmen wird.

Das Grundmuster der Vorfahren geht nie verloren

So behält jede Grundlage, die die vorgegebene Form der Vorfahren fortführt und eine neue Form in Folge der drei hinzugekommenen Faktoren annimmt und sich daher wesentlich verändert, dennoch das Grundmuster der Vorfahren bei. Und sie wird auch nicht das Muster einer anderen Person, die ihr ähnelt, annehmen, genauso wie der Hafer niemals dem Weizen gleichen wird.

Denn so wie jede Erbanlage eine lange Verkettung ist und einige hundert Generationen umfasst, so beinhaltet diese Erbanlage alle deren Konzepte. Jedoch erscheinen sie nicht in der Weise, wie sie in den Vorfahren zu Tage traten, das heißt als dieselben Anschauungen, sondern als abstrakte Formen. Deshalb sind sie als abstrakte Kräfte in ihm [dem Menschen] enthalten, als „Neigungen“ und „Instinkte“, ohne dass der Mensch deren Ursache kennt oder weiß, warum er so handelt. Und so können niemals zwei Personen die gleichen Eigenschaften haben.

Die Freiheit des Individuums muss geschützt werden

Wisse, dies ist der einzig wahre Besitz des Individuums, der weder beschädigt noch verändert werden darf. Denn letzten Endes werden sich diese Tendenzen der Grundlage materialisieren und die Form von fertigen Konzepten annehmen, wenn das Individuum herangewachsen und selbständig seinen Verstand geformt haben wird. Und wir sind das Ergebnis der Gesetze der Evolution, die diese Verkettungen steuert und immer vorwärts treibt. Weiter lernen wir, dass jede Tendenz dazu bestimmt ist, zu einem geläuterten Konzept unermesslichen Wertes zu werden.

Wenn jemand eine Tendenz in einem Individuum ausrottet und sie herausreißt, verursacht er einen Verlust dieses geläuterten und wunderbaren Konzepts für die Welt. Dieses Konzept wäre dazu bestimmt gewesen, sich am Ende der Kette zu formen, denn diese Tendenz wird niemals wieder in einem anderen als in diesem Körper auftreten.

Wenn also eine einzelne Tendenz die Form eines Konzeptes annimmt, dann kann sie nicht mehr als gut oder schlecht betrachtet werden. Solche Unterscheidungen können nur getroffen werden, solange sie Tendenzen oder unausgereifte Konzepte sind, keinesfalls mehr, wenn sie die Form eines wahren Konzeptes angenommen haben.

Aus dem Obigen lernen wir, welch schreckliches Unrecht jene Nationen ihren Minderheiten zufügen, die ihnen ihre Herrschaft aufzwingen und ihnen die Freiheit vorenthalten, indem sie ihnen die Möglichkeit nehmen, ihr Leben gemäß ihren von den Vorfahren ererbten Tendenzen zu leben. Sie sind wie Mörder – um nichts besser.

Sogar jene, die nicht gläubig sind und an eine sinnvolle Führung glauben, verstehen, wie wichtig es ist, die Freiheit des Individuums zu schützen – aus der Beobachtung der Natur heraus. Nationen gingen nur deswegen unter, weil sie die Minderheiten unterdrückten und diese dann gegen sie rebelliert und sie zerstört haben. Daher ist für jeden offensichtlich, dass es ohne Freiheit des Individuums keinen Frieden auf der Welt geben kann. Wenn man dies nicht berücksichtigt, kann niemals Frieden sein und der Ruin wird unaufhaltsam sein.

Wir haben die Essenz des Individuums mit äußerster Genauigkeit definiert, nachdem wir alles, was es von der Allgemeinheit übernimmt, abgezogen haben. Aber nun bleibt eine Frage übrig – wo ist letztendlich das Individuum selbst? Denn alles, was wir bis jetzt gesagt haben, haben wir als von den Vorfahren ererbtes Besitztum des Individuums betrachtet. Aber wo ist das Individuum selbst? Wo ist der, der erbt, dessen Schutz seines Eigentums wir einfordern?

Denn aus allem bisher gesagtem haben wir noch nicht den Punkt des „Selbst“ im Menschen gefunden, der ihn als unabhängiges Einzelwesen definiert. Was soll ich schließlich mit dem ersten Faktor tun, der eine lange, tausende Menschen umfassende Kette ist – einer nach dem anderen, von Generation zu Generation, die die Erscheinung des Individuums als ihren Erben festsetzt? Und was soll ich mit den anderen drei Faktoren tun, die tausende Menschen einschließen, die sich in einer Generation gegenüberstehen? Fazit ist, dass jedes Individuum wie ein Rädchen im Getriebe der Allgemeinheit ist, und nur eines zu erwarten hat, nämlich von der Allgemeinheit nach ihrem Gutdünken benutzt zu werden. Und zwar wird er auf zweierlei Arten durch die Allgemeinheit beeinflusst.

  1. Aus der Sicht des ersten Faktors ist er aus der Allgemeinheit, die sich aus der langen Reihe aufeinander folgenden vergangenen Generationen zusammensetzt hervorgegangen.
  2. Aus der Sicht der anderen drei Faktoren wird er durch die gegenwärtige Allgemeinheit beeinflusst.

Das ist in der Tat eine allumfassende Frage. Aus diesem Grund widersprechen Viele der obigen, natürlichen Methode, obwohl sie deren Richtigkeit erkennen. Stattdessen wenden sie sich metaphysischen Methoden zu, dem Dualismus oder der Transzendentalphilosophie, um sich ein Bild von spirituellen Dingen zu machen und zu verstehen, wie und auf welche Weise sich Spirituelles im Körper und in der Seele verhält. Und es ist diese Seele, die lernt und auf den Körper einwirkt; und das ist die Essenz des Menschen, sein „Selbst“.

Und vielleicht könnten diese Interpretationen den Geist des Menschen beruhigen, aber das Problem ist, dass diese keine systematische Lösung für die Frage beinhalten, wie ein spirituelles Objekt mit dem physischen Körper in Kontakt treten könnte. Und ihre Klugheit hilft ihnen nicht dabei, ein Verbindungsglied zu finden, mit dem der tiefe und weite Graben zwischen der spirituellen Existenz und dem körperlichen Atom zu überbrücken wäre. Daher hat die Wissenschaft nichts aus all diesen metaphysischen Methoden gewonnen.

Das Verlangen zu empfangen – Existenz aus dem vorher nicht Existenten

Das einzige was wir brauchen, um hier einen Schritt vorwärts zu kommen ist die Weisheit der Kabbala als wissenschaftliche Methode. Denn alle Weisheit der Welt ist in der Weisheit der Kabbala inkludiert. „Die spirituellen Lichter und Gefäße (Kelim)“ betreffend lernen wir die bedeutendste Neuheit aus der Sicht des Erschaffenen. Nämlich das Er Existenz aus dem vorher nicht Existenten erschaffen hat, auf die nur ein einziger Aspekt zutrifft, der als das „Verlangen zu Empfangen“ zu definieren ist. Alle anderen Dinge in der gesamten Schöpfung sind definitiv keine Neuheiten, sie sind nicht Existenz aus dem nicht Existenten, sondern Existenz aus Existenz. In der Bedeutung, dass sie direkt aus Seinem Sein hervorgegangen sind, so wie die Lichtstrahlen aus der Sonne. Auch hier besteht keine Neuheit, da die Substanz der Sonne nach außen tritt.

Aber das Verlangen nach Empfangen ist eine vollkommene Neuheit. Es bedeutet, dass vor der Schöpfung so etwas nicht existierte, da in Ihm ein solcher Aspekt des Empfangen wollens nicht vorhanden war. Denn Er ist allem vorausgegangen, von wem könnte Er denn empfangen? Daher ist dieses Empfangen wollen, das Er als Existenz aus Nichtexistenz herleitete eine komplette Neuheit. Alles andere, das „Schöpfung“ genannt werden kann, hat nichts Neues an sich. Daher werden sowohl Gefäße (Kelim) als auch Körper, ob aus den spirituellen Welten oder aus der physischen Welt, als materielle oder spirituelle Substanz betrachtet, der die Natur „Empfangen zu wollen“ innewohnt.

Zwei Kräfte im Verlangen zu empfangen: die abweisende und die anziehende Kraft

Weiters sollte man erkennen, dass in dieser Kraft, die „Verlangen zu empfangen“ genannt wird, zwei Kräfte unterschieden werden:

  1. Die anziehende Kraft
  2. Die abweisende Kraft

Die Ursache dafür besteht darin, dass jeder Körper oder jedes Gefäß (Kli) durch das Verlangen zu empfangen geprägt ist und sowohl in Qualität wie auch in Quantität des Empfangen-Könnens begrenzt ist. Jene Menge und Qualität, die seine Grenzen überschreiten, scheinen gegen seine Natur zu gehen und daher weist er sie ab. Daher wird dieses „Verlangen zu empfangen“, obwohl als anziehende Kraft erachtet, auch zwingend zu einer abweisenden.

Ein einziges Gesetz in allen Welten

Obgleich die Weisheit der Kabbala nichts über unsere physische Welt erwähnt, existiert nur ein einziges Gesetz in allen Welten. Daher laufen alle körperlichen Existenzformen unserer Welt (alles innerhalb dieses Raumes – sei es unbelebt, pflanzlich, tierisch, ein spirituelles oder physisches Objekt, wenn wir deren einzigartiges, eigenes Erscheinungsbild, selbst in den kleinsten Unterscheidungsmerkmalen, bestimmen wollen) auf nichts anderes als das „Verlangen zu Empfangen“ hinaus. Alle Existenzformen stellen aus der Sicht der erneuerten Schöpfung nur ein Teilchen dieses Verlangens dar, das sie in Quantität wie auch in Qualität begrenzt und dessen Anziehungs- bzw. Abstoßungskraft festlegt.

Aber alles andere als diese zwei in ihm wirkenden Kräfte wird als Gabe aus Seiner Essenz erachtet. Wenn diese Gabe für alle gleich ist, da für alles Erschaffene bei der Schöpfung nichts Neuartiges beschrieben ist, wird sie von einer Existenz zur anderen ausgeströmt. Und sie kann nicht einem Einzelstück zugeschrieben werden, sondern nur Dingen, die allen Teilen, ob klein oder groß, der Schöpfung gemeinsam sind. Sodass jedes von ihnen diese Gabe empfängt, und zwar genau entsprechend seinem Verlangen zu empfangen und entsprechend der Einschränkung, der jedes Individuum und Einzelwesen unterliegt.

So habe ich eingehend und wissenschaftlich das Selbst (Ego) jedes Individuums erklärt. Auf wissenschaftlich-kritischer Beweisführung basierend und von allen Seiten beleuchtet habe ich sogar auf die Denkweise fanatischer Materialisten Bezug genommen. Von nun an brauchen wir keine Krücken-Methoden mehr, wie sie in der Metaphysik beschrieben sind.

Und selbstverständlich macht es keinen Unterschied, ob diese Kraft – das Verlangen zu Empfangen – eine Folge und ein Ergebnis der durch chemische Reaktionen materialisierten Struktur ist oder ob die Struktur ein Resultat und eine Frucht dieser Kraft ist. Denn wie wir wissen ist das Wichtigste, dass allein diese Kraft, das „Verlangen zu Empfangen“, die in jedem Wesen und Atom eingeprägt ist, als Einheit erachtet wird, die von ihrer Umgebung abgeschnitten ist. Dies ist wahr – sowohl für das einzelne Atom als auch für den Atomverbund, der den Körper bildet.

Alle anderen Aspekte, wo dieser Kraft etwas hinzugefügt wird, haben in keinster Weise einen Bezug zu diesem Teilchen oder dieser Teilchenansammlung, weder aus der Sicht des Teilchens betrachtet noch im Allgemeinen. Es ist die Spende, die ihnen von Gott zugeteilt ist und sie ist für alle Teile der Schöpfung gleich, ohne spezifische Unterscheidung der erschaffene Körper.

Nun sollten wir dieses Thema „Freiheit des Individuums“ hinsichtlich der Definition des ersten Faktors, des Beetes verstehen, in welches alle vorhergegangenen Generationen, also die Vorfahren dieses Individuums, ihre Natur eingeprägt haben. Und wie wir erklärt haben, bedeutet das Wort „Individuum“ nur Begrenzungen des in diesen Partikelverband eingeprägten „Verlangens zu Empfangen“.

Man sieht daher, dass alle Neigungen und Anlagen, die jemand von seinen Vorfahren geerbt hat, nur Umgrenzungen seines „Verlangens zu Empfangen“ durch die anziehende oder abstoßende Kraft sind. Und sie erscheinen als Neigungen vor uns, wie Geiz oder Großzügigkeit, unter die Leute zu gehen, oder lieber allein zu sein und so weiter.

Aufgrund dessen sind diese tatsächlich sein Selbst (Ego) und kämpfen um die Existenz. Wenn wir daher auch nur eine einzige Anlage eines einzelnen Individuums ausrotten, trennen wir tatsächlich ein Organ von den Knochen ab. Und dies wird auch als ein Verlust für die gesamte Schöpfung erachtet, da kein anderes wie dieses existiert, noch jemals existieren wird.

Nachdem wir gründlich das Recht des Individuums bezüglich der Naturgesetze abgeklärt haben, lasst uns nun zur praktischen Umsetzung übergehen, ohne Kompromisse bzgl. Theorie der Ethik oder Staatsführung. Und das Wichtigste: wie wird dieses Recht hinsichtlich unserer heiligen Tora praktiziert?

Nach der Mehrheit richte dich

Unsere Schriften besagen: „Nach der Mehrheit richte dich“. Das bedeutet, wann immer ein Widerstreit zwischen dem Kollektiv und dem Individuum besteht, sind wir aufgerufen, nach dem Willen der Mehrheit zu entscheiden. Man sieht daraus, dass die Mehrheit das Recht hat, die Freiheit des Individuums einzuschränken.

Jedoch stehen wir nun einer schwerwiegenderen Frage gegenüber, da dieses Gesetz scheinbar zu einem Rückschritt der Menschheit führt, anstatt ihrem Fortschritt zu dienen. Weil der Großteil der Menschheit noch unentwickelt ist, und da die Entwickelten immer nur eine kleine Minderheit sind, bedeutet das, wenn man dem Willen des unentwickelten, hitzigen Kollektivs folgen würde, zöge man die Meinungen und den Willen der Weisen und Entwickelten, welche immer die Minderheit bilden, niemals in Betracht. Damit wäre das Schicksal der Menschheit Richtung Rückschritt besiegelt, denn sie wäre nicht in der Lage, auch nur einen Schritt vorwärts zu schreiten.

Andererseits heißt es im Aufsatz „Der Frieden“ über die „Verpflichtung, die Naturgesetze zu wahren“, dass, seit wir durch die Vorsehung dazu bestimmt sind, ein Leben in einem sozialen Verband zu leben, wir auch verpflichtet sind, alles einzuhalten, was der Gesellschaft zuträglich ist. Und wenn wir ihre Wichtigkeit auch nur geringfügig unterschätzen, wird sich die Natur an uns rächen, unabhängig davon, ob wir den Sinn dieses Gesetzes verstehen oder nicht.

Und wir erkennen, dass es keine Alternative zu „Nach der Mehrheit richte dich“ in diesem sozialen Verband gibt, denn dadurch werden alle Meinungsverschiedenheiten und Drangsale der Gesellschaft geordnet. Daher ist dieses Gesetz das einzige Instrument, das der Gesellschaft ein Existenzrecht gibt. Daher wird es als eines der natürlichen Gebote der Vorsehung erachtet und wir müssen es ungeachtet unseres Verständnisses akzeptieren und genauestens bewachen.

Dies ist wie bei allen anderen Geboten (Mizwot) der Tora, die alle Gesetze der Natur und Seiner Vorsehung sind, die von Oben zu uns herabkommen. Und ich habe bereits beschrieben (Artikel: Das Wesen der Wissenschaft Kabbala), wie die Hartnäckigkeit, die wir auf der Welt in der Führung durch die Natur erkennen, nur auf den ausgeströmten Gesetzen und der Führung durch die höheren, spirituellen Welten beruht.

Man kann daher erkennen, dass die Mizwot nichts anderes als in den höheren Welten verankerte Gesetze und Anleitungen sind, die die Wurzel aller Direktiven der Natur in unserer Welt darstellen, so wie zwei Tropfen in einem Teich. So haben wir gezeigt, dass das Gesetz „Nach der Mehrheit richte dich“ das Gesetz der Vorsehung und der Natur ist.

Der Weg der Tora und der Weg des Leidens

Bisher haben wir die Frage nach dem Rückschritt, die hinsichtlich dieses Gesetzes aufgetaucht ist, noch nicht befriedigend beantwortet. Und diese Antwort zu finden ist in der Tat unser Anliegen. Die Vorsehung fehlt darin jedoch nicht, denn sie hat in Wahrheit die Menschheit bereits in zwei Wege eingetaucht: in „den Weg der Tora“ und in „den des Leidens“. Und zwar auf eine solche Weise, dass die kontinuierliche Entwicklung und der Fortschritt der Menschheit ihrem Ziel entgegen gesichert sind und sie wirken ohne Vorbehalt. So ist es tatsächlich eine natürliche und notwendige Verpflichtung, dieses Gesetz einzuhalten.

Das Recht des Kollektivs, dem Individuum die Freiheit zu nehmen

Alles Gesagte ist nur in dem gerechtfertigt, was Vorkommnisse zwischen zwei Menschen betrifft. In diesem Fall nehmen wir das Gesetz „Folge der Mehrheit“ an, da die Vorsehung uns dazu verpflichtet und sie uns lehrt, für das Wohlbefinden und das Glück der Freunde Sorge zu tragen. Zu diesem Gesetz „Nach der Mehrheit richte dich“ verpflichtet uns jedoch die Tora auch, wenn es sich um einen Disput zwischen dem Menschen und seinem Gott handelt, obwohl dies für die Gesellschaft irrelevant zu sein scheint.

Daher stellt sich diese Frage immer noch: Wie können wir dieses Gesetz rechtfertigen, das uns dazu verpflichtet, die Meinung der Mehrheit zu akzeptieren, die, wie wir angeführt haben, unentwickelt ist, und die Meinung der Entwickelten zu verwerfen und für nichtig zu erachten, da die Entwickelten immer die Minderheit darstellen?

Wie wir aufzeigten (im Artikel „Wesen der Religion und deren Zweck“, im Kapitel „Bewusste und unbewusste Entwicklung“) sind Mizwot und Tora allein dazu gegeben, um Israel zu vereinigen, d. h. um unser Bewusstsein für das bei der Geburt in uns eingeprägte Böse zu entwickeln, das im Allgemeinen als Selbstliebe bezeichnet wird, und um das Reine und Gute, welches „Nächstenliebe“ genannt wird, zu erreichen, das den einzigen und besonderen Weg zur Schöpferliebe darstellt.

Dementsprechend werden die Gebote, welche die Beziehungen zwischen dem Menschen und Gott betreffen, als herrliche Instrumente definiert, die den Menschen von der Selbstliebe entfernen, welche wiederum der Gesellschaft schadet.

Infolgedessen ist klar, dass die Meinungsverschiedenheiten bezüglich der Gebote zwischen Mensch und Gott zu dem Problem des Existenzrechtes der Gesellschaft in Bezug stehen. Daher unterstehen sie auch dem Gesetz „Nach der Mehrheit richte dich“.

Nun verstehen wir auch die unterschiedliche Behandlung durch Halacha und durch Haggada. Weil nur in der Halacha das Gesetz des „Individuums und Mehrheit – Halacha nach der Mehrheit“ angeführt ist. Und in der Haggada ist es nicht so, da die Angelegenheiten der Haggada über den Angelegenheiten, welche die Gesellschaft betreffen, stehen. Denn die Haggadot (Mz.) sprechen eben genau von den Dingen, welche die Beziehungen zwischen Mensch und Schöpfer bestimmen, und zwar in jenem Bereich, der keinen Bezug zum Leben und physischen Glück der Gesellschaft hat.

Daher gibt es keine Rechtfertigung für das Kollektiv, die Meinung des Individuums zu annullieren und „jeder Mensch handle nach seinem eigenen Rechtsempfinden“. Wohingegen die Gesetze, welche die Existenz der Gesellschaft betreffen, vom Menschen gänzlich eingehalten werden müssen, und hier kann keine andere Ordnung existieren außer dem Gesetz von „Nach der Mehrheit richte dich“.

Im Leben der Gesellschaft gilt das Gesetz der Unterwerfung der Minderheit gegenüber der Mehrheit

Nun sind wir zu einem klaren Verständnis hinsichtlich der Aussage über die Freiheit des Individuums gekommen. Denn in der Tat stellt sich die Frage, wo die Mehrheit das Recht hernimmt, die Freiheit des Individuums zu beschränken und ihm das Kostbarste im Leben zu verweigern – die Freiheit. Scheinbar herrscht hier reine rohe Gewalt vor.

Wie wir jedoch oben ausführlich erklärt haben, ist dies ein Naturgesetz und von der Vorsehung bestimmt. Die Vorsehung zwingt uns, ein Leben innerhalb der Gesellschaft zu führen und es ist offensichtlich, dass jedermann verpflichtet ist, das Leben und das Wohl der Gesellschaft zu unterstützen. Dies kann nur durch die Einhaltung der Vorschrift „Folge der Mehrheit“ funktionieren und durch das Ignorieren der Meinung des Individuums.

Dies ist der Ursprung der Rechte und auch die Rechtfertigung für das Kollektiv, die Freiheit des Individuums auch entgegen dessen Willen zu beschränken und es unter seine Autorität zu stellen. Aus dem ist verständlich, dass im Hinblick auf all jene Dinge, die mit dem materiellen, gesellschaftlichen Leben nichts zu tun haben, für das Kollektiv kein Recht besteht, das Individuum in irgendeiner Weise seiner Freiheit zu berauben oder seine Freiheit zu missachten. Und wenn das Kollektiv dies doch tut, werden diese Menschen als Räuber und Diebe bezeichnet, die entgegen jeglichem Recht und jeglichem Gesetz der Welt brutale Gewalt anwenden, da in diesem Fall keine Verpflichtung des Individuums besteht, den Willen des Kollektivs zu erfüllen.

Im Spirituellen „Folge dem Individuum nach“

Dies heißt, inwieweit es das spirituelle Leben betrifft gibt es keine wie immer geartete Verpflichtung des Individuums, der Gesellschaft zu entsprechen. Ganz im Gegenteil – hier findet ein natürliches Gesetz gegenüber dem Kollektiv Anwendung, nämlich sich der Autorität des Individuums zu unterwerfen. Und im Artikel „Der Frieden“ ist erklärt, dass die Vorsehung uns mit zwei möglichen Wegen umgibt und umhüllt, um uns zum Endpunkt zu bringen. Diese sind:

  1. Der Weg des Leidens, der uns diese Entwicklung auferlegt, ohne uns nach unserer Meinung zu fragen.
  2. Der Weg der Tora, durch den wir uns bewusst entwickeln, ohne Qual und ohne Zwang.

Und da in jeder Generation zweifellos das Individuum weiter entwickelt ist, bedeutet das, wenn gewöhnliche Menschen sich von ihrer Qual und ihrem Leid befreien wollen, sie sich der bewussten Weiterentwicklung zuwenden müssen – dem Weg der Tora. Sie haben keine andere Wahl, als sich und ihre Freiheit beiseite zu stellen und dem Individuum Gehorsam zu leisten, die Anordnungen zu befolgen und die Mittel der Heilung, die dieses Individuum ihnen anbietet, anzunehmen.

Hier sieht man, dass in spiritueller Hinsicht die Autorität des Kollektivs umgestoßen wird und das Gesetz „Folge dem (entwickelten) Individuum“ gültig ist. Denn es ist offensichtlich, dass die Entwickelten und Gebildeten in jeder Gesellschaft eine Minderheit darstellen. Es steht daher fest, dass der Erfolg und das spirituelle Wohl in den Händen einiger weniger liegt.

Das Kollektiv sollte daher genauestens die Meinung der Wenigen beachten, damit die Menschen nicht von der Welt hinweggefegt werden. Denn sie müssen ganz sicher und mit absoluter Gewissheit wissen, dass die weiter Fortgeschrittenen und die rechten Ansichten niemals im Machtbereich des Kollektivs liegen, sondern in den Händen der Schwachen, in den Händen einer verschwindenden Minderheit. Denn jede Weisheit und alles Kostbare kommt in kleinen Dosen in die Welt. Daher sollen wir achtsam die Ansichten jedes Individuums schützen, da das Kollektiv unfähig ist, falsch oder richtig aufzuzeigen.

Kritik als Ursache für Erfolg – Kritiklosigkeit als Ursache für Rückschritt

Wir müssen weiters erwähnen, dass die Realität unsere Augen für den ungeheuren Widerspruch in physischen Angelegenheiten, in den Konzepten und Ideen obiges Thema betreffend öffnet. Denn was die gesellschaftliche Einigkeit betrifft, die eine Quelle jedermanns Freude und Erfolg sein kann, wird diese nur zwischen Körpern und körperlichen Angelegenheiten praktiziert, und die Trennung zwischen ihnen ist die Quelle jeglichen Unglücks und aller Katastrophen.

Bezüglich Konzepten und Ideen verhält es sich jedoch gegenteilig. Denn Anpassung und mangelnde Kritikfähigkeit werden als Ursache aller Fehlinterpretationen und als das größte Hindernis der Entwicklung und der befruchtenden Lehre angesehen. Denn die richtige Schlussfolgerung ziehen zu können hängt vorwiegend von der Meinungsvielfalt und ihrer Verifikation ab. Je mehr Widersprüchlichkeiten zwischen Meinungen festgestellt werden und je kritischer sie sind, umso größer werden die Erkenntnisse und das Anwachsen der Weisheit und desto besser können Themen untersucht werden.

Degeneration und Versagen der Intelligenz ergeben sich allein aus mangelnder Meinungsvielfalt und mangelndem kritischen Denken. Denn es ist einfach, festzustellen, dass die Basis für physischen Erfolg in der Einigkeit der Gesellschaft liegt und die Basis für Weiterkommen hinsichtlich Intelligenz und Wissen in der Verschiedenartigkeit und Meinungsvielfalt unter ihnen.

Wenn die Menschheit hinsichtlich den Körpern erfolgreich ist (gemeint ist, die Menschen zum Niveau der vollkommenen Liebe dem Nächsten gegenüber zu bringen), dann werden alle Körper der Welt zu einem einzigen Körper mit einem einzigen Herz verschmelzen. Und nur dann wird all das Glück, das für die Menschheit vorgesehen ist, in all seiner Herrlichkeit offenbar werden. Entgegen diesem müssen wir aufpassen, dass sich die Ansichten der Menschheit nicht allzu sehr gleichen, denn das könnte die Meinungsvielfalt und Kritikfähigkeit der Weisen beeinträchtigen, da die Liebe zum Körper von Natur aus zu einer Annäherung der Meinungen führt. Und würden die Kritikfähigkeit und Meinungsverschiedenheit von der Welt verschwinden, würde auch die Weiterentwicklung der Konzepte und Ideen gestoppt und somit die Quelle des Wissens versiegen.

Das zeigt deutlich die Verpflichtung auf, achtsam mit der Freiheit des Individuums hinsichtlich seiner Konzepte und Ideen umzugehen. Denn die ganze Entwicklung basiert auf der Freiheit des Einzelnen. Daher sind wir aufgerufen, sorgsam mit allem in uns umzugehen, das wir „individuell“ nennen und das die persönliche Kraft einer Person darstellt – und allgemein als das „Verlangen zu Empfangen“ bezeichnet wird.

Angestammtes Erbe*

Alle Einzelheiten, die dieses Verlangen zu Empfangen einschließt, das wir als „Grundlage“ oder den Ersten Faktor bezeichnet haben (alle von den Vorfahren ererbten Neigungen und Gewohnheiten). Wir stellen uns das wie eine lange Kette vor, die tausende von Menschen, die einmal gelebt haben, umfasst, einer steht über dem anderen und jeder von ihnen ist ein essentieller Funken seiner Vorfahren. Und dieser Funken, den jeder von uns erhält, enthält in sich die spirituellen Besitztümer seiner Vorfahren, welche sich in seinem Unterbewusstsein befinden. Das vor uns stehende Individuum trägt daher in seinem Unterbewusstsein all die Tausende von spirituellen Erbteilen in sich, von allen in der Kette befindlichen Individuen, seinen Vorfahren.

Genau so wie das Antlitz jedes Menschen anders ist, so verschieden sind auch die Eigenschaften. Es gibt keine zwei Menschen auf Erden, deren Eigenschaften identisch wären, da jeder einen gewaltig großen Besitz von seinen Vorfahren mitgebracht hat, von dem andere keinen blassen Schimmer haben.

All diese Besitztümer bestimmen die Eigentümlichkeit des Individuums und die Gesellschaft ist gemahnt, dessen Geschmack und Geist zu schützen, and auch das Umfeld davon abzuhalten, diese zu verwischen, sowie auch die Unversehrtheit des Erbteils jedes einzelnen zu bewahren. Dadurch werden die Unterschiedlichkeit und die Verschiedenartigkeit zwischen ihnen bestehen bleiben, um die Urteilsfähigkeit und die Weiterentwicklung der Weisheit in alle Ewigkeit abzusichern, was für die Menschheit von Vorteil und ihr wirkliches ewiges Verlangen ist.

Und nachdem wir in einem gewissen Ausmaß die Selbstsucht des Menschen erkannt haben, die wir als „Empfangen wollen“ definiert haben, das nach der Enthüllung des Wesens sein Kern ist, haben wir auch klar und deutlich das Maß des ursprünglichen Besitztums – welches wir das „angestammte Erbe“ bezeichnet haben – mit all seinen Begrenzungen bestimmt. Das bedeutet, dass die ganze Kraft der Neigungen und Eigenschaften durch Vererbung zur Grundlage (dem Hauptbestandteil jedes Menschen) wurde. Sie besteht aus dem vorbereiteten Samentropfen seiner Ahnen. Nun sollten wir die zwei Aspekte des Empfangen Wollens erhellen.

Zwei Aspekte:
A)    Potentielle Kraft
B)    Verwirklichende Kraft

Nun müssen wir verstehen, dass dieses Selbst, welches wir als „Empfangen wollen“ definiert haben, obwohl es die Hauptkraft im Menschen ist, in der Realität nicht existieren kann, nicht einmal für eine einzige Sekunde.

Denn es ist dasjenige, was wir als potentielle Kraft bezeichnen, welche, bevor sie sich verwirklicht, nur in unseren Gedanken existiert, d.h. nur die Gedanken können sie festlegen.

Faktum ist – eine reale Kraft ist niemals inaktiv oder untätig. Eine Kraft existiert in unserer Welt nur, wenn sie durch Handlungen offenbart wird. Genauso wie man nicht behaupten kann, dass ein Kleinkind über große Muskelkräfte verfügt, wenn es nicht einmal das kleinste Gewicht heben kann. Aber man kann sagen, dass dieses Kind, wenn es herangewachsen ist, einmal über große Kräfte verfügen wird.

So sagen wir, dass diese Stärke, die im herangewachsenen Menschen vorhanden ist, bereits in seinen Organen und in seinem Körper angelegt war, als er noch ein Kind war. Die Stärke war jedoch verborgen – und nicht offen ersichtlich.

Ja – wir können die zukünftige Stärke mit Hilfe der Vorstellungskraft ahnen. Im gegenwärtigen Körper des Kindes jedoch befindet sich diese Stärke nicht, weil sie nicht durch Handlungen ausgedrückt wird.

Auch mit dem Hunger ist es so. Der Körper des Menschen signalisiert keinen Hunger, wenn die Organe kein Essen aufnehmen können, nachdem der Mensch sich satt gegessen hat. Aber auch wenn der Mensch satt ist, gibt es dennoch diese Hungerauslösende Kraft. Sie ist nur momentan im Körper versteckt. Wenn einige Zeit verstrichen ist und das Essen verdaut ist, kommt sie wieder zum Vorschein und wird von einer potentiellen zu einer verwirklichenden Kraft.

Und dieses Gesetz einer vorhandenen potentiellen Kraft, die nur noch nicht wirkt, gehört auch zum Prozess eines sich entwickelnden Gedanken. Er existiert nur noch nicht in der Realität, da wir meinen, wenn wir gesättigt sind, dass die Kraft, die Hunger auslöst, verschwunden ist, und auch wenn wir nach ihr suchen, finden wir sie nirgends.

Daher können wir eine potentielle Kraft nicht als etwas, das an sich existiert vorzeigen, sondern nur eine Aussage darüber machen. Und wir haben festzuhalten – erst wenn in der Realität, in der Wirklichkeit eine Handlung durchgeführt wird – dann, in diesem Moment enthüllt sich diese Kraft in dieser Handlung.

Obwohl wir aufgrund unserer Schlussfolgerung hier zwei Dinge vorfinden – einen Gegenstand und die Aussage darüber, d.h. die potentielle Kraft und die verwirklichende Kraft, indem der Hunger den Gegenstand darstellt und die Speise, die man sich vorstellt, stellt die getroffene Voraussage und die Handlung dar, erscheinen diese in der Wirklichkeit nur als eines. Niemals wird jemand Hunger empfinden, ohne sich die ersehnten Speisen auszumalen, denn das sind die zwei Seiten einer Medaille. Die Hunger auslösende Kraft muss in dieses Bild gekleidet werden. Wir bezeichnen diese Handlung als „Verlangen“. Das heißt, die Hunger auslösende Kraft zeigt sich, indem man sich (die Speise) vorstellt.

Und genauso verhält es sich mit unserem Thema – dem allgemeinen Empfangen wollen, das das Wesen des Menschen ist. Es zeigt sich nur, indem es sich in die Hülle von Objekten, die man gerne haben möchte, kleidet. Nur dann existiert es als Gegenstand und nur dann. Wir bezeichnen diese Handlungen als Leben, als die Lebensführung des Menschen und dies bedeutet, dass die Kraft des Empfangen Wollens sich in die ersehnten Objekte kleidet und darin agiert. Und das Maß der Aufdeckung dieser Handlung, die wir Verlangen nennen, ist das Maß des Lebens, wie wir erklärt haben.

Zwei Schöpfungen:

Aus dem oben angeführten können wir den Vers verstehen: „Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges (Chayah) Wesen/Seele (Nefesh).“ (Genesis 2,7)
Demnach erkennen wir hier zwei Schöpfungen:

  1. A)    Den Menschen selbst
    B)    Die lebendige Seele

Der Vers besagt, dass der Mensch, bevor er aus dem Staub der Erde erschaffen wurde, eine Ansammlung von Teilchen war, in der das Wesen ausmachende des Menschen liegt, sein Empfangen wollen. Dieses Empfangen wollen ist in jedem Partikel der Realität gegenwärtig, aus denen die vier Formen ausgehen: anorganische, pflanzliche, tierische und sprechende Form. Aus diesem Blickwinkel betrachtet hat der Mensch keine Vormachtstellung gegenüber anderen Teilen der Schöpfung, so wie der Vers besagt: „aus dem Staub der Erde“.

Diese Kraft, dieses Empfangen wollen, kann außerhalb der Einkleidung in ein ersehntes Objekt und der Handlung nicht existieren, einer Handlung die Leben genannt wird. Und demgemäß erkennen wir, dass der Mensch, bevor er nicht die menschliche Form des Empfangens der Freude erreicht hat, die sich von dem der Tiere unterscheidet, als leblos und tot erachtet wird. Das kommt daher, weil sein Empfangen wollen keinen Raum hat, worin es sich kleiden könnte und seine Handlungen ausdrücken könnte, die Ausdruck des Lebens sind.

Und es steht geschrieben: „und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase“ welches die allgemeine Form des Empfangens ist, die für den Menschen passend ist. Diese Worte „Odem des …“ haben im Hebräischen die Bedeutung von „wichtig“ und die ursprüngliche Bedeutung des Wortes „Odem“ verstehen wir aus diesem Vers: „Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen hat mir das Leben gegeben“ (Hiob 33,4).

Die Worte „und blies ihm in seine Nase“ bedeuten, dass Er eine Seele (Neshama) und die Würde des Lebens in ihn hinein gelegt hat. Es ist die Summe aller Formen, die würdig sind für den Empfang in ihrem Verlangen zu Empfangen. Dann hat diese Kraft, dieses Verlangen zu Empfangen, das in seinen Teilchen eingehüllt war, einen Raum gefunden, um sich in Formen und Handlungen zu kleiden, nämlich in die Formen des Empfangens, das er vom Herrn erhalten hat und diese Handlung wird, wie wir erklärt haben, Leben genannt.

Und der Vers endet: „Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen/Seele.“ Daher hat sich ab dem Punkt, wo das Verlangen zu Empfangen anfängt, im Ausmaß dieser Formen des Empfanges zu handeln, augenblicklich das Leben in ihm enthüllt und er „wurde eine lebendige Seele“. Jedoch wird er vor dem Erreichen dieser Formen des Empfangens, auch wenn das Empfangen wollen in ihm eingepflanzt war, noch als lebloser Körper betrachtet, da kein Raum um zu handeln zur Verfügung stand.

Obwohl das Wesen des Menschen einzig dieses Empfangen wollen ist, wird dies nur als die eine Hälfte des Ganzen betrachtet, da es sich auch in der Realität verwirklichen muss. Aus diesem Grund ist das Empfangen wollen und die Imagination der Besitztümer tatsächlich ein und dasselbe, denn sonst hätte es kein Recht, auch nur einen Moment lang zu existieren.

Wenn daher diese Maschine – Körper – auf ihrem Höhepunkt steht, etwa bis zur Lebensmitte hin, steht das „Ego“ in seinem vollen Umfang und seiner Größe mit allem, was bei der Geburt in es hineingelegt wurde, da. Daher fühlt der Mensch ein riesengroßes Verlangen zu Empfangen in sich, nämlich den Wunsch nach Reichtum und Ehre und allem, was seinen Weg kreuzt. Das „Ego“ des Menschen ist so perfekt, dass es Formgebungsmöglichkeiten anzieht, um sich in sie zu kleiden und sich durch sie auszudrücken.

Wenn aber die Hälfte seines Lebens vorüber gegangen ist, kommt die Zeit des Verfalles, die Tage seines Sterbens. Wir bezeichnen sie so, weil der Mensch nicht in einem einzigen Augenblick stirbt, so wie er in einem bestimmten Augenblick das Licht der Welt erblickte. Sondern sein Lebenslicht, das sein „Ego“ ist, schrumpft und erlischt langsam, Stück für Stück, und damit vergehen seine Wunschvorstellungen und Güter, die er empfangen möchte.

Er fängt nun an, viele Dinge, die er sich in der Jugend erträumt hatte und sogar seine wichtigsten Güter, den fortschreitenden Jahren entsprechend, loszulassen. Solange bis er im Alter, wenn der Schatten des Todes über ihn fällt, nichts mehr als anziehend empfindet. Der Grund dafür liegt im Verblühen und Absterben seines Verlangens zu Empfangen, seines „Egos“. Alles was zurückbleibt ist ein winziger Funke, der vor den Augen verborgen ist, weil er in kein wie auch immer geartetes Gut gekleidet ist. Daher gibt es während dieser Zeit nichts Reizvolles und keine Hoffnung auf irgendeine Art des Empfanges.

So haben wir bewiesen, dass das Verlangen zu Empfangen mit der Vorstellung des ersehnten Objektes tatsächlich ein – und dasselbe ist. Und ihre Enthüllung ist gleich, ihr Ausmaß ist gleich und so ist es auch mit der Anzahl ihrer Tage. Jedoch in der Zeit des Verfalles des Lebens gibt es einen signifikanten Unterschied in der Art des Entschwindens. Denn das Entschwinden ist kein Ergebnis der Sättigung, sondern eines der Verzweiflung. Wenn das „Ego“ während der Zeit des Verfalles stirbt, fühlt der Mensch seine eigene Schwäche und den nahenden Tod. Aus diesem Grund gibt er die Träume und Hoffnungen seiner Jugend auf.

Das Entschwinden aufgrund einer Sättigung, das keine Trauer verursacht, und auch nicht „teilweiser Tod“ genannt werden kann, ist eine aktive Handlung. Durch Verzweiflung verursachtes Aufgeben ist in der Tat mit Pein und Kummer gefüllt und daher kann dies auch „teilweiser Tod“ genannt werden.

Die Freiheit vom Engel des Todes

Nachdem wir dies alles gelernt haben, finden wir auch einen Weg, um die wahre Bedeutung der Worte unserer Weisen zu verstehen, als sie sagten: „In Stein gemeißelt (harut)“. Sprich nicht – harut – „gemeißelt“, sondern vielmehr – herut – „Freiheit“, denn sie sind vom Engel des Todes befreit. Es wurde in den Artikeln „Die Schenkung der Tora“ (Matan Torah) und „Die Bürgschaft“ (Ha’arvut) bereits gesagt, dass sie, bevor sie die Tora empfingen, es auf sich nahmen, jeglichen Privatbesitz im Ausmaß, das in den Worten „ein Königreich von Priestern“ (Mamlechet Cohanim) ausgedrückt ist, zu beschränken. Und sie haben es auch auf sich genommen, den Sinn und Zweck der Schöpfung zu erfüllen – mit Ihm durch Angleichung an Ihn zu verschmelzen. So wie Er schenkt und gibt und nicht empfängt, so wollen auch sie geben und nicht empfangen, was den letzten Grad der Hingabe darstellt, ausgedrückt in den Worten „eine heiliges Volk“, wie es am Ende von „Die Bürgschaft“ heißt.

Und ich habe bereits zu Bewusstsein gebracht, dass die Essenz des Menschen, sein Selbst, das als Verlangen zu Empfangen definiert ist, nur die eine Hälfte ist und nur durch die Einkleidung in die Vorstellung oder Hoffnung auf ein Gut existieren kann. Nur dann ist unser Gegenstand vollständig und kann die Essenz des Menschen genannt werden.

Das bedeutet, dass die Söhne Israels die vollständige Hingabe an die Heiligkeit erreichten, weil ihre Gefäße des Empfangens völlig von allen irdischen Gütern entleert waren und sie durch Gleichheit der Form mit Ihm verschmolzen waren. Das heißt, sie hatten überhaupt kein Verlangen nach eigenen Gütern, außer in dem Ausmaß, um dem Schöpfer Wohlgefallen zu erweisen und Ihm Entzücken zu bereiten.

Und da ihr Verlangen zu empfangen sich in das Bild dieses Objektes gekleidet hat, hat es sich mit der vollständigen Einheit verkettet und sich darin gekleidet. Daher wurden sie gewisslich vom Engel des Todes befreit, denn Tod ist notwendigerweise ein Aspekt von Abwesenheit und Negation der Existenz eines bestimmten Objektes. Jedoch nur solange ein Funken existiert, der für sein eigenes Vergnügen existieren möchte, kann behauptet werden, dass dieser Funken nicht existiert und dass er abwesend und tot ist.

Wohingegen, wenn kein solcher Funken im Menschen weilt, sondern alle Funken seiner Essenz darin gekleidet sind, dem Schöpfer Wohlgefallen zu erweisen, dann ist er weder abwesend noch tot. Denn selbst wenn der Körper sich auflöst, löst er sich nur hinsichtlich des Aspektes des Empfangens für Eigennutzen auf, in den das Verlangen zu Empfangen gekleidet ist und er hat nur das Recht durch dieses zu existieren.

Wenn er jedoch dem Ziel der Schöpfung zustrebt und Gott Wohlgefallen an ihm findet, indem Sein Wille erfüllt wird, dann kleidet sich die Essenz des Menschen in „Ihm Wohlgefallen zu bereiten“ und er erlangt vollkommene Unsterblichkeit so wie Er. Und dies bedeutet, dass er nun Freiheit vom Engel des Todes erlangt hat. Wie es in Midrash heißt: „Freiheit vom Engel des Todes“. Und in Mishna: „In Stein gemeißelt (harut)“, sprich nicht – harut – „gemeißelt“, sondern vielmehr – herut – „Freiheit“, denn es gibt keinen freien Menschen, außer dem, der Tora studiert.“

 

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