Der Frieden in der Welt

Der Frieden in der Welt – Rav Yehuda Ashlag

„Es werden sich Barmherzigkeit und Wahrheit treffen; Gerechtigkeit und Frieden werden sich vereinigen. Wahrheit wird aus der Erde sprießen und die Gerechtigkeit vom Himmel hinabsteigen. Und der Herr wird Güte schenken; und unser Land wird Ernte bringen.“ Psalm 85

Alles wird nicht danach beurteilt wie es zu einem bestimmten Zeitpunkt aussieht, sondern gemäß der jeweiligen Stufe der Entwicklung

Alles, was in der Wirklichkeit existiert, sowohl das Gute als auch das Schlechte und sogar das Schlimmste und Schädlichste in der Welt, hat ein Existenzrecht und man darf es daher weder ausrotten noch vollkommen vernichten. Wir haben nur die Aufgabe, es zu verbessern und zu korrigieren, da bereits ein aufmerksamer Blick auf den Schöpfungsprozess dazu ausreicht, um zum Bewusstsein der Größe und der Vollkommenheit der Handlung und des sie Ausführenden zu gelangen. Daher müssen wir verstehen und sehr vorsichtig vorgehen, wenn wir einzelne Teile der Schöpfung bewerten, indem wir sagen, dass sie überflüssig und nicht erforderlich sind, denn das wäre üble Nachrede über die Schöpfungshandlung.

Doch wie uns bekannt ist, schloss der Schöpfer die Schöpfung im Moment ihrer Erschaffung nicht ab. Daher sehen wir auch in jedem Teilbereich der Wirklichkeit, dass sie im Allgemeinen wie auch im Besonderen der Macht der Gesetze der stufenweisen Entwicklung unterliegt, beginnend vom Stadium, welches der Zeugung bzw. der Entstehung vorausgeht, bis zum Stadium des Abschlusses des Wachstums. Wenn wir also zu Anfang ihrer Entwicklung den bitteren Geschmack der Frucht verspüren, fassen wir dies, weil uns die Ursache bekannt ist, nicht als Mangel oder Fehler der Frucht auf – die Frucht hat den Prozess ihrer Reifung noch nicht abgeschlossen.

So gilt das auch bezüglich aller anderen Elemente der Wirklichkeit: Wenn uns etwas als schlecht oder schadenbringend erscheint, dann ist es nichts anderes als ein Beweis dafür, dass dieses Element noch auf einer Zwischenstufe des Prozesses seiner Entwicklung steht. Daher haben wir kein Recht zu sagen, dass es schlecht sei, und es wäre auch nicht klug, es zu vernachlässigen.

Die Schwäche der „Weltverbesserer“

Das ist der Schlüssel zum Verständnis der Untauglichkeit der „Weltverbesserer“, die in jeder Generation existiert haben. Sie haben den Menschen als eine Maschine betrachtet, die nicht richtig funktioniert und daher einer Korrektur bedarf, das heißt, dass man die beschädigten Teile entfernen und durch andere, intakte ersetzen sollte.

Insofern sind alle Bestrebungen der Weltverbesserer darauf ausgerichtet, alles Böse und Schädliche in der Menschheit auszurotten, und wenn sich der Schöpfer den Weltverbesserern nicht widersetzt hätte, hätten sie bereits die ganze Menschheit durch ein Sieb durchgesiebt und nur das Gute und das Nützliche in ihr gelassen.

Da jedoch der Schöpfer akribisch jedes einzelne Element Seiner Schöpfung beobachtet und es niemandem erlaubt, etwas von dem zu zerstören, was in Seiner Macht steht, jedoch sehr wohl, es zu korrigieren und gut und nützlich zu machen, werden alle oben erwähnten Weltverbesserer vom Antlitz der Erde verschwinden. Jedoch wird das Schlechte in der Welt nicht schwinden. Es existiert und zählt die Anzahl der Stufen der Entwicklung ab, die noch erklommen werden müssen, bis der Abschluss der Reifung erreicht ist.

Und erst dann werden sich die schlechten Eigenschaften in gute und nützliche Eigenschaften verwandeln, so wie der Schöpfer es von Anfang an geplant hatte, wie eine Frucht, die an den Zweigen des Baumes hängt und die Tage und Monate zählt, die noch vergehen müssen, bis sie reif ist, und erst dann wird sich einem jeden Menschen ihr Geschmack und ihre Süße offenbaren.

Die Beschleunigung der Korrektur der Natur

Das oben erwähnte Entwicklungsgesetz, welches sich auf die ganze Wirklichkeit erstreckt und die Rückkehr alles Bösen zum Guten und Nützlichen ermöglicht, vollzieht seine Handlungen kraft der Herrschaft von Oben, also ohne Genehmigung durch die Menschen dieser Erde. Allerdings gab der Schöpfer dem Menschen Verstand und Macht und erlaubte es ihm somit, das erwähnte Gesetz der Entwicklung zu akzeptieren und zu lenken, indem er den Entwicklungsprozess nach seinem Wunsch, frei und vollkommen unabhängig vom Lauf der Zeit, beschleunigt.

Folglich existieren zwei Kräfte, welche in dem erwähnten Entwicklungsprozess wirken:

Eine von ihnen ist die Macht des Himmels, welche die Rückkehr alles Bösen und Schädlichen zum Guten und Nützlichen garantiert, doch dies erst zu gegebener Zeit und auf eine spezielle Art, auf einem langen und schmerzvollen Weg. Und dann gibt es die irdische Macht. Wenn das „Objekt der Entwicklung“ ein lebendes Wesen ist, dann erleidet es fürchterliche Qualen, während es sich unter dem „Rad der Entwicklung“ befindet, welches sich mit unglaublicher Grausamkeit weiterdreht.

Die „irdische Macht“ jedoch besteht aus Menschen, welche die Macht über den oben erwähnten Entwicklungsprozess in ihre eigenen Hände nehmen, und denen es gewährt ist, sich vollkommen von den Ketten der Zeit zu befreien und somit das Ende des Entwicklungsprozesses, also den Abschluss der Reife und der Korrektur, zu beschleunigen.

Mit diesen Worten lehrten uns die Weisen (Sanhedrin 98) die komplette Erlösung und die komplette Korrektur Israels. So erläuterten sie auch den Satz „Ich der Herr werde es zu gegebener Zeit beschleunigen“ (Jesaja, 60:22): Werden sie würdig – dann werde Ich es beschleunigen (Achishena); werden sie nicht würdig – dann zu gegebener Zeit (be–Ita).

Wird Israel also würdig und werden durch das Gesetz der Entwicklung die bösen Eigenschaften in gute umgewandelt, dann werden sie es auch in ihre eigenen Hände nehmen. Mit anderen Worten: Sie selbst werden ihre Gedanken und Herzen ausrichten, um all ihre negativen Eigenschaften zu korrigieren, indem sie selbst diese in positive umwandeln. Daher bedeutet „Ich werde es beschleunigen“, dass sie vollkommen von den Ketten der Zeit befreit sind. Und ab diesem Moment hängt die Erreichung der höheren Entwicklungsstufe nur von ihrem eigenen Willen ab, das heißt, nur von der Qualität der Handlung und der Achtsamkeit. Auf diese Weise beschleunigen sie die Erreichung des Endstadiums.

Doch wenn sie nicht dessen würdig werden, die Entwicklung ihrer schlechten Eigenschaften in ihre Macht zu bekommen, sondern sie der Herrschaft des Himmels überlassen, dann ist ihnen auch in diesem Fall die vollkommene Erlösung und die Vollendung der Korrektur garantiert. Denn es existiert eine volle Garantie vonseiten der Macht des Himmels, die auf dem Gesetz der allmählichen Entwicklung beruht, Stufe für Stufe, bis sich schließlich alles Böse und Schädliche in Gutes und Nützliches verwandelt, gleich einer Frucht am Baum. Der Abschluss ist auch in diesem Fall absolut sicher, doch zu gegebener Zeit, das heißt, er ist von der Zeit abhängig und auch vollkommen an sie gebunden.

Gemäß dem Gesetz der stufenweisen Entwicklung ist es notwendig, viele Entwicklungsstufen zu absolvieren, dieser Prozess ist schwer, sehr langsam, er zieht sich über eine sehr lange Zeit hin, bis man letztendlich das Ende erreicht. Und da jene Objekte der Entwicklung, von welchen wir hier sprechen, lebende und fühlende menschliche Wesen sind, so müssen sie auch während dieser Zustände die größten und schrecklichsten Qualen erleiden, da jene Kraft, die in diesen Stufen eingeschlossen ist und den Menschen dazu zwingt, von einer niederen Stufe auf eine höhere überzugehen, nichts anderes ist als die Kraft der Leiden und des Schmerzes, die sich auf einer niederen Stufe in solch einem Maße konzentrieren, dass es unmöglich wird, dies zu erdulden, und man infolgedessen gezwungen ist, diese Stufe zu verlassen und auf eine höhere überzugehen. So wie unsere Weisen uns lehrten: „Der Schöpfer setzt einen König über sie, dessen Urteile grausam sind wie Hamans und Israel kehrt zurück und wendet sich zum Guten.“

So wird der Abschluss, welcher gemäß dem erwähnten Gesetz der stufenweisen Entwicklung garantiert ist, „zu gegebener Zeit“ (be–Ita) erreicht, das heißt, er ist von der Zeit abhängig. Und die Erreichung des Abschlusses ist dadurch bedingt, dass der Mensch die Entwicklung seiner Eigenschaften in seine Hände nimmt, was „Ich werde beschleunigen“ genannt wird, und dies bedeutet gänzlich unabhängig von der Zeit.

Gut und Böse werden anhand der Handlungen des Individuums gegenüber der Gesellschaft bewertet

Bevor wir die Korrektur des Bösen im ganzen Menschengeschlecht näher beleuchten, müssen wir die Bedeutung folgender abstrakter Begriffe festlegen: „Gut“ und „Böse“. Wenn wir eine Handlung oder eine Eigenschaft der Kategorie Gut oder Böse zuordnen, müssen wir klären in Bezug auf wen oder was diese Eigenschaft oder Tat gut oder böse ist.

Um das zu verstehen, muss man den relativen Wert des Besonderen im Vergleich zum Ganzen kennen, das heißt den Wert eines Individuums gegenüber der Gesellschaft, in welcher es lebt und von welcher es sich sowohl materiell als auch spirituell ernährt.

Die Wirklichkeit zeigt uns, dass ein Individuum dann kein Existenzrecht hat, wenn es sich isoliert und keine ausreichend große Gesellschaft hat, die es unterstützt und ihm bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse hilft. Daraus folgt, dass der Mensch von Anfang an für ein Leben in der Gesellschaft erschaffen wurde. Jedes einzelne Individuum in der Gesellschaft ist wie ein einzelnes Rad, das mit anderen Rädern in der Maschine verbunden ist, sodass es als alleinstehendes Rad keine Bewegungsfreiheit hat. Allerdings bewegt es sich gemeinsam mit den anderen Zahnrädern in eine vorgegebene Richtung, um die Gesamtaufgabe erfüllen zu können. Und wenn es zu einem Defekt an einem Rad kommt, so wird dies nicht als ein Defekt eines Rades betrachtet. Dies wird in Hinsicht auf seine Rolle und Bestimmung im Gesamtmechanismus bewertet.

In unserem Fall wird der Grad des Wertes eines jeden Individuums in der Gesellschaft nicht dadurch definiert, wie gut es an sich ist, sondern durch das Maß seines Dienstes an der Gesellschaft als Ganze. Und umgekehrt bewerten wir nicht den Grad des Bösen eines jeden Individuums, sondern wir bewerten das Maß jenes Schadens, den es der Gesellschaft als Ganzer zufügt, und nicht das Maß seines persönlichen Bösen.

Diese Dinge sind glasklar sowohl in Hinsicht auf die in ihnen enthaltene Wahrheit als auch in Hinsicht auf das in ihnen enthaltene Gute. Denn im Allgemeinen gibt es nichts anderes als das, was es auch im Individuellen gibt. Der Nutzen der Allgemeinheit ist der Nutzen eines jeden Einzelnen: Derjenige, der der Allgemeinheit einen Schaden zufügt, bekommt auch seinen Anteil am Schaden; wer der Allgemeinheit Nutzen bringt, bekommt ebenfalls seinen Anteil daran, da die Einzelnen immer nur Teile des Allgemeinen sind. Und das Allgemeine hat keinen größeren Wert oder keine größere Menge als die Summe der Einzelteile, die dieses zusammensetzen.

Folglich sind die Gesellschaft und das Individuum das Gleiche. Es gibt für das Individuum nichts Negatives daran, dass es der Gesellschaft unterstellt ist, weil die Freiheit der Gesellschaft und die Freiheit des Individuums identisch sind. So wie sie das Gute teilen, teilen sie auch die Freiheit. Daher werden sowohl die guten als auch die schlechten Eigenschaften und sowohl die guten als auch die schlechten Handlungen nur gemäß ihrem Nutzen für die Gesellschaft bewertet.

Natürlich bezieht sich dieses Konzept nur auf den Fall, dass alle Individuen ihren Verpflichtungen in Bezug auf die Gesellschaft vollständig nachkommen und dass sie nicht mehr bekommen als ihnen zusteht und nicht versuchen, den ihren Freunden zustehenden Anteil an sich zu nehmen. Doch wenn sich ein Teil der Gesellschaft nicht so verhält, dann stellt sich heraus, dass sie nicht nur der Gesellschaft sondern auch sich selbst Schaden zufügen.

Wir sollten dies jedoch nicht weiter erläutern, da es bereits allen bekannt ist, und alles bisher Gesagte ist nichts anderes als die Vorführung eines Schwachpunktes, somit jene Stelle, die einer Korrektur bedarf, nämlich, dass jeder verstehen soll, dass sein persönlicher Nutzen und der Nutzen der Gesellschaft das Gleiche sind. Auf diese Weise wird die Welt zu ihrer vollen Korrektur gelangen.

Die vier Eigenschaften Barmherzigkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden in Bezug auf das Individuum und die Gesellschaft

Nachdem wir klargestellt haben, was das Gute beinhaltet, müssen wir nun das Wesen und die Mittel überprüfen, die zu unserer Verfügung stehen, um das Näherrücken des Guten und des Glücks zu beschleunigen.

Vier Eigenschaften stehen uns zur Erreichung dieses Ziels zur Verfügung: Barmherzigkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden. Diese Eigenschaften haben bis zur heutigen Zeit alle Weltverbesserer verwendet. Richtiger wäre jedoch zu sagen, dass aufgrund dieser vier Eigenschaften bis zum heutigen Tage die Entwicklung der Menschheit durch die Höhere Lenkung stattfand, indem sich die Menschheit schrittweise entwickelte, bis sie den heutigen Zustand erreichte.

Wie bereits erwähnt, wäre es besser für uns, das Gesetz der Entwicklung selbst in unsere Hände und in unsere Lenkung zu nehmen, weil wir uns dann von allen Leiden befreien würden, welche der Entwicklungsprozess für unsere Zukunft vorbereitet hat.

Dementsprechend sollten wir diese vier Eigenschaften untersuchen und analysieren, um zu verstehen, was wir durch sie bisher erreicht haben, und um daraus zu folgern, wie sie uns in der Zukunft unterstützen können.

Praktische Schwierigkeiten in der Festlegung der Wahrheit

Wenn wir die positiven Eigenschaften theoretisch betrachten, dann haben wir natürlich keine bessere Eigenschaft als die der Wahrheit. Denn alles Gute, das wir vorher basierend auf der Beziehung zwischen dem Individuum und der Gesellschaft festgelegt haben, existiert dann, wenn das Individuum gibt und vollkommen die ihm auferlegte Aufgabe bezüglich der ganzen Gesellschaft erfüllt und von der Gesellschaft seinen Teil auf gerechte Weise erhält. All das ist nichts anderes als die Wahrheit. Das Problem liegt jedoch darin, dass diese Eigenschaft in der Realität überhaupt nicht von der Gesellschaft angenommen wird. In der Realität bestimmt die Wahrheit selbst den Mangel: Es gibt hier einen Mangel und einen Grund, der es der Gesellschaft nicht erlaubt, sie anzunehmen. Es bleibt zu klären, woraus dieser Mangel besteht.

Wenn man eine genaue Untersuchung der Umsetzungsmöglichkeiten der erwähnten Wahrheit vornimmt, dann wird sich notwendigerweise herausstellen, dass diese zu vage und kompliziert ist, sodass es dem Menschen absolut unmöglich ist, sie zu erkennen. Denn die Wahrheit verpflichtet uns, alle Individuen in der Gesellschaft gleichzusetzen, damit jeder seinen Teil gemäß der von ihm unternommenen Anstrengungen erhält, nicht weniger und nicht mehr. Und das ist die einzige reale Basis, an der man nicht zweifeln kann, denn es ist offensichtlich, dass, wenn jemand für sich aus den Bemühungen eines anderen Nutzen ziehen möchte, seine Handlungen dem oben erwähnten Grund und der Wahrheit widersprechen.

Doch wie können wir diese Kategorie der Wahrheit so verinnerlichen, dass sie von der gesamten Gesellschaft angenommen wird? Wenn wir zum Beispiel etwas bewerten würden, indem wir uns auf die für alle sichtbare Arbeit stützten, das heißt entsprechend der Anzahl der Arbeitsstunden, und wir alle verpflichten würden, die gleiche Anzahl an Stunden zu arbeiten, dann würde sich uns die Kategorie der Wahrheit dennoch nicht enthüllen.

Mehr als das: Hier besteht von zwei Seiten eine Lüge: einerseits seitens des körperlichen Zustands des Arbeiters und andererseits aus der Sicht seiner moralischen Verfassung.

Es ist vollkommen natürlich, dass nicht alle gleich arbeiten können. Es wird sich immer einer finden, der infolge eigener Schwäche in einer Stunde Arbeit viel größere Bemühungen unternimmt, als ein anderer in zwei oder mehreren Stunden.

Darüber hinaus gibt es auch einen psychologischen Grund, da jemand, der von Natur aus sehr faul ist, ebenfalls in einer Stunde größere Anstrengungen unternimmt, als ein anderer es in zwei oder mehreren Stunden tut. Aus der Sicht der absoluten Wahrheit können wir nicht einen Teil der Gesellschaft verpflichten, zum Zweck der Versorgung mit dem Lebensnotwendigen größere Bemühungen zu unternehmen, als es der übrige Teil tut.

In der Realität läuft es darauf hinaus, dass die von Natur aus starken und unternehmungslustigen Mitglieder der Gesellschaft einen Gewinn aus den Bemühungen ziehen, welche von anderen unternommen werden, und sie böswillig ausnutzen, was im Widerspruch zur Eigenschaft der Wahrheit steht, denn sie selbst unternehmen nur unbedeutende Anstrengungen, verglichen mit den schwachen und faulen Mitgliedern der Gesellschaft.

Wenn wir dazu noch das Naturgesetz des „Folgens der Mehrheit“ in Betracht ziehen, so ist solch eine Form der Wahrheit, wenn die faktische Anzahl an Arbeitsstunden als Basis genommen wird, vollkommen unmachbar, da die Schwachen und die Faulen immer die große Mehrheit in der Gesellschaft darstellen, und sie werden es den Starken und Unternehmungslustigen, die eine Minderheit darstellen, nicht erlauben, ihre Kräfte und Bemühungen zu nutzen. Somit ist die oben erwähnte Basis, welche die Bemühungen des Individuums unter den Voraussetzungen der Wahrheit darstellt, praktisch unmöglich, weil das Prinzip selbst keiner Prüfung oder Bewertung unterzogen werden kann.

So zeigt sich, dass das Attribut der Wahrheit praktisch nicht dazu fähig ist, den Weg des Individuums und den Weg der Gemeinschaft genau und befriedigend zu organisieren. Ebenso ist es komplett unzulänglich, wenn es darum geht, das Leben in der Endkorrektur der Welt zu organisieren.

Darüber hinaus gibt es hier auch noch größere Schwierigkeiten, denn es gibt keine eindeutigere Wahrheit als die Natur an sich. Jedes Individuum fühlt sich von Natur aus als Alleinherrscher in der Welt des Schöpfers und glaubt, dass alle anderen nur zu dem Zweck erschaffen wurden, sein Leben zu erleichtern und zu verbessern, jedoch ohne dass er sich seinerseits zu irgendeiner Gegenleistung verpflichtet fühlt.

Einfach zusammengefasst liegt es in der Natur eines jeden Menschen, das Leben aller Geschöpfe in der Welt zum eigenen Vorteil auszunutzen. Alles, was er seinerseits einem anderen gibt, basiert nur auf Zwang, und sogar dann ist eine Ausnutzung von anderen enthalten, doch dies wird so schlau gemacht, dass der andere dies gar nicht merkt und daher bereitwillig nachgibt.

Der Hintergrund dafür liegt darin, dass die Natur eines jeden Zweiges ihrer Wurzel nahe ist. Und da die Seele des Menschen vom Schöpfer ausgeht, der eins und einzig ist und dem alles gehört, fühlt auch der Mensch, der in Ihm seinen Anfang nimmt, dass alle Geschöpfe der Welt in seiner Macht stehen müssen und zu seinem persönlichen Nutzen erschaffen wurden. Dies ist ein unbedingtes Gesetz.

Der einzige Unterschied liegt in der Wahl der Menschen. Der eine nutzt Menschen zur Erreichung von niederen Genüssen aus, der andere zur Erreichung von Macht und der dritte zur Erreichung von Ehre. Mehr als das: Wenn man es ohne große Mühen tun könnte, würde jeder die Welt zur Erreichung von allen dreien ausnutzen: von Reichtum, Macht und Ehre. Allerdings ist man gezwungen gemäß den zur Verfügung stehenden Möglichkeiten und Fähigkeiten zu wählen.

Dieses Gesetz kann man als das „Gesetz der Einzigartigkeit (Einzigkeit)“ im Herzen eines Menschen bezeichnen. Kein Mensch kann vor seinem Einfluss fliehen, und jeder bekommt seinen Anteil: der Große gemäß seiner Größe und der Kleine gemäß seiner Kleinheit.

Doch das erwähnte Gesetz der Einzigartigkeit, welches in der Natur eines jeden Menschen existiert, ist weder schlecht noch böse, weil es die Wirklichkeit der Natur ist und ihm wie jedem anderen Teil der Schöpfung ein Existenzrecht zusteht. Es besteht keine Möglichkeit, es aus der Welt zu tilgen oder wenigstens seine Wirkung etwas abzuschwächen, so wie es keine Möglichkeit gibt, das ganze Menschengeschlecht vom Angesicht der Erde zu tilgen. Demzufolge werden wir nicht falsch liegen, wenn wir von diesem Gesetz aussagen, dass es die absolute Wahrheit darstellt.

Und da es zweifellos so ist, wie können wir dann überhaupt versuchen, jemanden damit zu beruhigen, indem wir ihm eine Gleichheit mit allen Mitgliedern der Gesellschaft versprechen? Nichts ist doch weiter von der menschlichen Natur entfernt als das, da das einzige Streben des Individuums darin besteht, sich über die ganze Gesellschaft zu erheben.

Nach allem, was bisher gesagt wurde, besteht keine wirkliche Möglichkeit, gutes und freudvolles Verhalten in das Leben der Individuen und in das Leben der Gesellschaft zu bringen, indem man das Attribut der Wahrheit derart berücksichtigt, dass es von jedem Menschen angenommen wird, so, wie es am Ende der Korrektur sein sollte.

Nutzung anderer Attribute in der Lenkung anstatt des Attributs der Wahrheit

Nun werden wir uns den drei restlichen Kategorien zuwenden: der Barmherzigkeit, der Gerechtigkeit und dem Frieden. Auf den ersten Blick scheinen sie nur dazu erschaffen worden zu sein, um das schwache Attribut der Wahrheit in unserer Welt zu unterstützen. Von diesem Punkt an nahm die geschichtliche Entwicklung ihre langsame, stufenweise Bewegung hin zur Regelung des gesellschaftlichen Lebens auf.

Theoretisch haben sich alle Mitglieder der Gesellschaft damit einverstanden erklärt und die Lenkung der Wahrheit bedingungslos angenommen. Doch in der Realität haben sie sich in eine der Wahrheit entgegengesetzte Richtung entwickelt. Und seitdem war es das Schicksal der Wahrheit, in den Händen hinterhältiger Menschen zu sein und nicht in den Händen der Schwachen und Gerechten, sodass sie das Attribut der Wahrheit nicht einmal im minimalen Ausmaß nutzen konnten.

Da man in der Gesellschaft das Attribut der Wahrheit nicht einführen konnte, stieg die Anzahl der Schwachen und Ausgenutzten innerhalb der Gesellschaft, und daraus entwickelten sich die Eigenschaften von Barmherzigkeit und Gerechtigkeit im gesellschaftlichen Leben, da die Grundlagen der Gesellschaft die Starken und Erfolgreichen dazu verpflichteten, den Schwachen zu helfen, um der Gesellschaft als Ganzer keinen Schaden zuzufügen. Daher verhielt man sich ihnen gegenüber nachsichtig, das heißt barmherzig und mit Mitleid.

Doch die Natur der Dinge ist so, dass unter solchen Bedingungen die Anzahl von Schwachen und Benachteiligten so weit ansteigt, bis sie genug sind, um gegen die Starken zu protestieren, und es zu Streitigkeiten und Auseinandersetzungen kommt. Daraus entwickelt sich das Attribut „Friede“ in der Welt. So dass alle diese Kategorien – Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Frieden infolge der Schwäche der Kategorie Wahrheit auf die Welt kamen und ihre Entwicklung nahmen.

Dies führte zur Unterteilung der Gesellschaft in Gruppen. Die einen von ihnen nahmen als Basis die Attribute der Barmherzigkeit und der Wohltätigkeit, das heißt das Opfern von eigenem Besitz an andere, und die anderen nahmen das Attribut der Wahrheit, das heißt das Prinzip „das Meine ist meins, und das Deine ist deins“.

Einfach gesagt kann man diese zwei Gruppen in „Erbauer“ und „Zerstörer“ aufteilen. Erbauer kümmern sich um den Aufbau und das Wohl der Gesellschaft, zu diesem Zweck sind sie oft bereit, ihren eigenen Besitz mit anderen zu teilen.

Für jene aber, die ihrer Natur nach der Zerstörung und Lasterhaftigkeit zugeneigt sind, ist die Eigenschaft der Wahrheit bequemer, das heißt das Prinzip „das Meine ist meins, und das Deine ist deins“. Da sie von Natur aus Zerstörer sind, würden sie von sich aus anderen nie etwas geben, sogar wenn es sich um eine Gefahr für die Existenz der Gesellschaft handeln würde.

Hoffnung auf Frieden

Diese Bedingungen führten die Gesellschaft zu Unfrieden und stellten somit eine Gefahr für das Wohl der Gesellschaft dar. Dann tauchten die „Friedensstifter“ in der Gesellschaft auf. Sie übernahmen die Leitung und die Führung und erneuerten das Sozialleben, basierend auf neuen Bedingungen, die aus ihrer Sicht gerechtfertigt waren, um die friedvolle Koexistenz zu gewährleisten.

Doch diese Friedensstifter, die nach allen Differenzen in Erscheinung traten, stammen in der Regel aus der Gruppe der „Zerstörer“, der Befürworter der Wahrheit, des Prinzips „das Meine ist meins, und das Deine ist deins“. Dies deshalb, weil sie zu den Starken und Unternehmenslustigen in unserer Gesellschaft gehören, „Helden“ genannt, denn sie sind jederzeit bereit, das eigene Leben zu riskieren und auch das der ganzen Gesellschaft, wenn die Gesellschaft nicht mit ihrer eigenen Meinung konform geht.

Dagegen sind die „Errichter“ die Befürworter von Barmherzigkeit und Wohltätigkeit, die sich um das eigene Leben und das der Gesellschaft kümmern und sich weigern, sich selbst und die Gesellschaft einer Gefahr auszusetzen. Daher findet man sie immer auf der schwachen Seite der Gesellschaft, „Feiglinge“ und „Kleinmütige“ genannt.

Daher ist es selbstverständlich, dass immer die Tapferen und Verdorbenen gewinnen, und die Friedensstifter kommen natürlich aus der Zahl der „Zerstörer“ und nicht der „Aufbauer“.

Aus dem Gesagten wird klar, wie die Hoffnung auf Frieden, den unsere ganze Generation mit solch einer Ungeduld anstrebt, keinerlei Wert innehat, weder aus der Perspektive des Subjekts noch aus der Perspektive des Objekts.

Denn die Subjekte, das sind die Friedensstifter unserer Zeit und auch in jeder anderen Generation, mit anderen Worten: jene, die die Macht haben, Frieden in der ganzen Welt herzustellen, und sie sind immer aus der Menschengattung der „Zerstörer“, denn sie suchen nach der Wahrheit, das heißt, sie streben danach, die Welt auf dem Prinzip des Friedens aufzubauen mit „das Meine ist meins, und das Deine ist deins.“

Logischerweise verteidigen diese Menschen ihre Meinungen und dies sogar so weit, dass sie bereit sind, dafür ihr eigenes Leben und das Leben der ganzen Gesellschaft zu riskieren. Und das gibt ihnen immer die Kraft, einen Sieg über den menschlichen Teil zu erringen, welchen die Errichter darstellen, die Befürworter der Barmherzigkeit und der Wohltätigkeit, die bereit sind, das Eigene zum Wohle anderer zum Zweck der Friedenserhaltung zu teilen, da sie feige und kleinmütig sind.

Demzufolge sind Suche nach Wahrheit und Zerstörung der Welt ein und dasselbe, und der Wunsch nach Barmherzigkeit und dem Aufbau der Welt sind auch ein und dasselbe. Daher dürfen wir von den Zerstörern nicht erwarten, dass sie Frieden herstellen werden.

Auch vonseiten des „Objekts“ hat die Hoffnung auf Frieden keinerlei Wert; das heißt vonseiten der Bedingungen der Existenz der Welt selbst, da noch immer keine Bedingungen für ein glückliches Leben des Individuums und der Gesellschaft gemäß der Kategorie der Wahrheit kreiert wurden, welche die Friedensstifter so sehr begehren. Denn es ist ein Muss, dass es immer eine große Mehrheit in der Gesellschaft gibt, die mit den zur Verfügung stehenden Bedingungen nicht einverstanden sind, so wie wir das bereits oben aufgezeigt haben, als wir von der Schwäche der Wahrheit sprachen. Diese Minderheit wird daher immer eine allzeit bereite Basis für neue Unruhestifter und für neue Friedensstifter sein, deren Generationen sich bis zur Unendlichkeit abwechseln werden.

Das Wohl für eine bestimmte Gesellschaft und das Wohl für die ganze Welt

Man sollte sich nicht darüber wundern, dass ich das Wohl einer Gesellschaft und das Wohl der ganzen Welt vermische, weil wir in Wirklichkeit bereits eine solche Stufe erreicht haben, dass die ganze Welt als ein einziges Volk gilt, als eine einzige Gesellschaft. Das bedeutet, dass jeder Mensch in der Welt seine Lebenskraft und seine Existenzgrundlage auf allen anderen Menschen aufbaut, und er ist gezwungen, sich dem Wohl der ganzen Welt zu widmen und ihm zu dienen.

Oben haben wir bereits die absolute Abhängigkeit des Individuums von der ganzen Gesellschaft bewiesen, indem wir es mit einem kleinen Rad in einer Maschine verglichen. Denn das Leben und das Wohlergehen des Einzelnen hängt von der Gesellschaft ab, und somit sind das gesellschaftliche und das individuelle Wohl ein und dasselbe, und umgekehrt. Demgemäß wird der Mensch in dem Ausmaß, wie er den Sorgen um das eigene Wohl untertan ist, auch der Gesellschaft untertan, so wie wir es oben bereits im Detail besprochen haben.

Und wie ist dabei der Umfang dieser Gesellschaft? Dieser wird durch jenen Raum definiert, aus dem das Individuum alles Notwendige erhält. So wurde zum Beispiel zu Zeiten der antiken Geschichte dieser Umfang durch einen einzigen Familienkreis definiert, was bedeutet, dass das Individuum keiner anderen Hilfe als der seiner Familienmitglieder bedurfte. Zu dieser Zeit musste es sich nur seiner eigenen Familie unterordnen.

In einer späteren Zeit, als sich die Familien vereinigten und sich in kleinen Dörfern und Städten ansiedelten, wurde der Mensch von seiner Stadt abhängig. Und in der Folge, als Städte und Dörfer sich zu Ländern vereinigten, begannen alle Bewohner des Landes, den Wohlstand des Menschen zu garantieren, und auf diese Weise wurde er von den Bewohnern des ganzen Landes abhängig.

Auf diese Weise wird nun zu unserer Zeit das Wohlergehen eines jeden Menschen durch alle Staaten der Welt sichergestellt, und im gleichen Maße ist der Mensch unbedingt von der ganzen Welt abhängig, gleich einem Rad in einer Maschine.

Demzufolge ist es unvorstellbar, eine gute und glückliche Ordnung auf friedlichem Wege in einem Land einzuführen, bevor das nicht in jedem Staat der Welt stattfindet. Zu unserer Zeit sind die Staaten bereits durch die Befriedigung von Lebensnotwendigkeiten so miteinander verbunden, wie es früher Mitglieder einer Familie waren. Daher sollte man nicht mehr von gerechten Wegen sprechen, welche einem Land oder einem Volk Wohlergehen versprechen, und sich auf deren Suche begeben. Man muss sie für die ganze Welt suchen. Denn das Wohl und das Unheil eines jeden Menschen in der Welt hängen vom Maß des Wohls eines jeden Individuums in der ganzen Welt ab und werden daran gemessen.

Und ungeachtet der Tatsache, dass dies praktisch bekannt ist und in ausreichendem Maße empfunden wird, wird sich die Menschheit dessen noch nicht auf die richtige Weise bewusst. Und warum? Weil gemäß dem Entwicklungsprozess die Handlung dem Verstehen der Erscheinung vorausgeht, und letztendlich werden nur Handlungen alles beweisen und die Menschheit weiterbringen.

In Wirklichkeit widersprechen sich die vier Eigenschaften

Wenn die oben erwähnten praktischen Probleme für uns hilflose Menschen noch nicht genug sind, dann haben wir noch zusätzlich ein Wirrwarr und einen Kampf unserer Erbanlagen, also der Attribute in jedem von uns selbst, die einzigartig sind und im Widerspruch zueinander stehen. Die vier oben erwähnten Attribute Barmherzigkeit, Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden, welche von der Natur des Menschen her getrennt sind, entweder vom Ergebnis der Entwicklung oder vom Resultat der Erziehung her, sind in sich selbst und untereinander widersprüchlich. Wenn wir uns zum Beispiel die Eigenschaft der Barmherzigkeit in ihrer abstrakten Form ansehen, dann stellt sich heraus, dass ihre Machtposition alle anderen Attribute unterdrückt, also dass aufgrund der Gesetze der Herrschaft der Barmherzigkeit es für andere Kategorien einfach keinen Platz in unserer Welt gibt.

Was ist nun das Attribut der Barmherzigkeit selbst? Die Weisen haben es wie folgt definiert: „Das Meine ist deins, und das Deine ist deins.“ – Chassid35. Wenn sich die ganze Menschheit demgemäß verhielte, dann verschwände alle Pracht der Attribute der Wahrheit und der Gerechtigkeit, denn wenn jeder seiner Natur nach bereit wäre, seinem Nächsten alles zu geben, was er hat, und nichts von ihm zu bekommen, dann würde es sich auch nicht mehr auszahlen, einen Freund anzulügen. Dann wäre es auch irrelevant, über den Wert der Wahrheit zu sprechen, da Wahrheit und Lüge voneinander abhängig sind. Wenn es in der Welt keine Falschheit gäbe, dann gäbe es auch nicht den Begriff der Wahrheit. Natürlich verschwänden auch die restlichen Kategorien, die nur dazu da waren, die Wahrheit aufgrund der ihr eigenen Schwäche zu unterstützen.

Wahrheit ist mit folgenden Worten definiert: „Das Meine ist meins, und das Deine ist deins.“ Das steht im Widerspruch zur Kategorie der Barmherzigkeit und toleriert sie nicht, da das Prinzip, sich zu bemühen und dem Nächsten zu helfen, aus der Sicht der Wahrheit falsch ist, weil dies den Menschen verdirbt und ihn daran gewöhnt, seinen Nächsten auszunutzen. Die Wahrheit legt fest, dass jeder verpflichtet ist, für die harten Tage zu sparen, um in schweren Zeiten nicht gezwungen zu sein, seinem Nächsten zur Last zu fallen.

Darüber hinaus gibt es keinen Menschen, der keine Verwandten oder Erben hätte, die gemäß dem Prinzip der Wahrheit vor anderen das Vorzugsrecht haben, da so auf natürliche Weise derjenige, der sein Eigentum an andere verschenkt, als ein Lügner gegenüber seiner Verwandtschaft und gegenüber seinen natürlichen Erben erscheint, wenn er ihnen nichts hinterlässt.

Der Frieden und die Gerechtigkeit widersprechen einander ebenfalls, denn um Frieden herzustellen, muss eine bestimmte Anzahl an Bedingungen eingehalten werden, die es den Klugen und Energischen erlauben würden, reich zu werden, und den Faulen und Unpraktischen, mittellos zu sein. Demgemäß würde der Energischere seinen Anteil und auch den Anteil seines faulen Nächsten erhalten und so ein gutes Leben genießen, bis schließlich bei dem Faulen und Naiven noch nicht einmal für seine grundlegenden Lebensbedürfnisse etwas übrig bliebe. So blieben sie in vieler Hinsicht komplett blank und hilflos.

Natürlich ist es ungerecht, die Faulen und Naiven zu bestrafen, obwohl sie doch nichts Böses taten. Denn worin besteht denn deren Sünde und was ist das Verbrechen dieser Unglücklichen, wenn ihnen die Höhere Lenkung keine Gewandtheit und keinen Verstand zuteilte? Soll man sie dafür mit Leiden bestrafen, die schwerer sind als der Tod?

Daher gibt es also keine wie auch immer geartete Gerechtigkeit als Bedingung des Friedens. Friede widerspricht der Gerechtigkeit und die Gerechtigkeit widerspricht dem Frieden, denn wenn man die Ordnung der Aufteilung des Vermögens gemäß dem Prinzip der Gerechtigkeit einführen würde, das heißt, den Faulen und Unpraktischen bedeutende Werte übergäbe, dann würden die Starken und Unternehmerischen natürlich keine Ruhe und Erholung kennen, bis sich diese Vorgehensweise ändert, die den Schwachen die Starken und Energischen unterstellt, und es zulässt, dass sie zugunsten der Schwachen ausgenutzt werden. Daher gibt es keine Hoffnung auf Frieden in der Gesellschaft. Denn die Gerechtigkeit widerspricht dem Frieden.

Die Eigenschaft der Einzigartigkeit im Egoismus beeinflusst die Zerstörung und die Vernichtung

Auf diese Weise sieht man, wie unsere Eigenschaften kollidieren und untereinander kämpfen, und dies nicht nur innerhalb der einzelnen Gruppen, sondern auch in jedem einzelnen Menschen selbst. Die vier in ihm befindlichen Attribute beherrschen ihn gemeinsam, gleichzeitig oder abwechselnd, und führen in ihm selbst einen solchen Kampf, dass man allein mit dem gesunden Menschenverstand keine Ordnung herstellen und sie zu keiner Übereinstimmung bringen kann.

In Wahrheit liegt die Quelle dieser ganzen in uns herrschenden Unordnung im Attribut der Einzigartigkeit, die in jedem von uns in größerem oder geringerem Maße vorhanden ist.

Und obwohl wir geklärt haben, dass ihr ein hoher, schöner und erhabener Sinn innewohnt, da diese Eigenschaft uns direkt vom Schöpfer gegeben wurde dem Einzigen, der die Wurzel aller Geschöpfe ist. Doch gleichzeitig entfaltet diese Empfindung der Einzigkeit eine zerstörerische Wirkung, sobald sie sich mit unserem engen Egoismus verbindet, sodass sie zur Quelle allen Unheils in der Welt wurde, des vergangenen sowie des kommenden.

Zwar gibt es keinen einzigen Menschen in der Welt, der frei davon ist, und alle Unterschiede werden lediglich durch die Begründungen für die Nutzung definiert – zur Befriedigung einer Leidenschaft des Herzens, zur Erreichung von Macht oder von Ehre , und genau dadurch werden die Geschöpfe voneinander getrennt und unterschieden.

Doch das Gemeinsame aller Geschöpfe der Welt besteht darin, dass jeder von uns danach strebt, alle anderen zum eigenen Nutzen auszunutzen, indem er alle zu seiner Verfügung stehenden Mittel benutzt, und sogar ohne dabei in Betracht zu ziehen, dass er das Seinige auf der Zerstörung dessen aufbaut, was sein Nächster besitzt.

Es ist unwichtig, welche Rechtfertigungen wir uns dabei ausdenken, da „der Wunsch den Gedanken leitet“, und nicht „der Gedanke den Wunsch“. Und es geht auch darum, dass je größer, je besonderer der Mensch ist, er umso stärker und schärfer seine Einzigkeit fühlt.

Die Nutzung der Basis der Einzigartigkeit als Mittel zur Entwicklung des Individuums und der Gesellschaft

Und nun werden wir versuchen zu klären, welche Bedingungen es sind, die die Menschheit letzten Endes beim Eintreten des Friedens in der ganzen Welt annehmen wird; herauszufinden, worin die positive Kraft dieser Bedingungen besteht, die dem Individuum und der Gesellschaft ein glückliches Leben garantieren wird, und auch, was die Bereitschaft der Menschheit darstellt, es letzten Endes zu wünschen, die Erfüllung dieser besonderen Bedingungen auf sich zu nehmen.

Doch kehren wir zur Einzigkeit im Herzen eines jeden Menschen zurück, die den Wunsch erweckt, alle und alles für sich zu verschlingen. Deren Wurzel liegt in der Einzigkeit des Schöpfers und führt zu den Menschen, die Sein Zweig sind.

Doch hier entsteht eine Frage, die eine Antwort fordert: Warum enthüllt sich dieses Gefühl in uns in solch einer verdorbenen Form, dass es zur Basis alles Schädlichen und Zerstörerischen in der Welt wird? Und wie kann die Quelle, die alles Lebendige gebiert, indem sie sich fortsetzt, sich in die Quelle aller Zerstörungen verwandeln? Es ist unmöglich, diese Frage ohne Antwort zu lassen.

Tatsächlich hat die Einzigkeit zwei Seiten. Wenn man sie aus der Sicht des Schöpfers betrachtet, das heißt aus der Sicht der Erreichung der Ähnlichkeit mit Seiner Einzigkeit, so regt sie nur dazu an, „dem Nächsten zu geben“, weil so die Eigenschaft des Schöpfers ist, der über keine Eigenschaft des Empfangens verfügt, da Er keinen Mangel an irgendetwas hat und keines Empfangens von irgendetwas von seinen Geschöpfen bedarf. Daher muss die Einzigkeit, welche die Fortsetzung der Eigenschaft des Schöpfers in uns ist, sich in uns in der Form des „Gebens an den Nächsten“, also altruistisch, verwirklichen und nicht egoistisch, im „Empfangen für sich selbst“.

Andererseits, das heißt aus der Sicht der praktischen Wirkung dieser Eigenschaft in uns, finden wir, dass sie auf vollkommen entgegengesetzte Weise wirkt lediglich als „Empfangen für sich selbst“, als Egoismus, das heißt als der Wunsch, der Reichste und Vornehmste, der Einzige in der Welt zu sein. Somit sind diese zwei Seiten einander entgegengesetzt und voneinander so fern wie Ost von West.

Darin finden wir die Antwort auf die vorgegebene Frage, auf welche Weise sich jene Einzigkeit, die vom Schöpfer, der Quelle des Lebens auf der Erde, ausgeht, sich in uns als Quelle der Zerstörung offenbart. Das geschieht aus dem Grunde, dass wir diese wertvolle Eigenschaft mit der entgegengesetzten Absicht nutzen: Wir empfangen egoistisch – für uns selbst.

Die Einzigkeit wird in uns niemals in Form des Gebens an den Nächsten, auf altruistische Weise, wirken. Denn man kann nicht verneinen, dass es unter uns Menschen gibt, in denen die Einzigkeit in Form des Gebens an den Nächsten wirkt. Sie opfern ihr Eigentum und ihre Errungenschaften dem Wohle der Gesellschaft und dergleichen.

Doch dies sind zwei Seiten einer Medaille, und sie zeugen nur von zwei Punkten der Entwicklung der Schöpfung, welche alles zur Perfektion führt. Von dem Stadium an, welches der Entstehung vorausgeht, erhebt sich das Geschöpf und erklimmt allmählich die Stufen der Entwicklung, von einer Stufe zur anderen, nächst höheren, von ihr zu einer noch höheren, bis es seine höchste Bestimmung erreicht die von Anfang an vorbestimmte Perfektion, in welcher es auf ewig verbleibt.

Und die Ordnung der Entwicklung dieser zwei Punkte ist so: Der erste Punkt ist der Anfang der Entwicklung, die niedrigste aller Stufen, nahe an der Nichtexistenz. Er entspricht der zweiten Seite der Eigenschaft der Einzigkeit. Der zweite Punkt ist die vorbestimmte Höhe, auf der sich das Geschöpf ausruhen und auf der es auf ewig verbleiben wird. Er entspricht der ersten Seite der Eigenschaft der Einzigkeit.

Doch jene Zeitspanne, in der wir uns befinden, ist bereits so entwickelt, dass sie sich über viele Stufen erhob. Sie erhob sich über die niedrigste Stufe, welche die erwähnte zweite Seite der Einzigkeit darstellt, und hat sich erkennbar der ersten Seite angenähert. Daher gibt es unter uns Menschen, die ihre Einzigkeit in Form des „Gebens an den Nächsten“ nutzen, doch sie sind immer noch gering an der Zahl, da wir noch in der Mitte des Entwicklungsweges stehen.

Und wenn wir den höchsten Punkt der Leiter erreichen werden, werden wir alle unsere Einzigkeit nur in Form des „Gebens an den Nächsten“ nutzen, und es wird nie wieder vorkommen, dass jemand sie zum Zweck des „Empfangens für sich“ nutzt.

Gemäß dem Gesagten fanden wir eine Möglichkeit, uns nun die Bedingungen des Lebens der letzten Generation anzuschauen, wenn Frieden in der ganzen Welt eintreten wird, die ganze Menschheit den höchsten Punkt der ersten Seite erreichen wird und ihre Einzigkeit nur in Form des „Gebens an den Nächsten“ nutzen wird und nicht in der des „Empfangens für sich“.

Und wir müssen die Form dieses Lebens in so einem Maße kopieren, dass es uns als Vorbild dient und in unser Bewusstsein in den herankommenden Wellen unseres Lebens eindringt. Möglicherweise lohnt es sich sogar, auch in unserer Generation einen Versuch zu unternehmen, solch einer Form des Lebens gleichzukommen.

Lebensbedingungen der letzten Generation

Zuallererst sollte jeder gut verstehen und seiner nächsten Umgebung erklären, dass der Frieden in der Gesellschaft, also der Frieden im Staat, und der Frieden auf dem Planeten vollkommen voneinander abhängig sind. Und solange die Gesetze der Gesellschaft nicht alle zufrieden stellen und eine Minderheit bleibt, die mit der Lenkung des Staates unzufrieden ist, tritt sie aus der Macht des Staates aus und fordert einen Regierungswechsel.

Und wenn diese Minderheit nicht über genügend Kraft für einen offenen Kampf mit der Staatsgewalt verfügt, von Angesicht zu Angesicht, so existiert ein Umweg, um sie zu stürzen. Zum Beispiel, zwei Mächte aufeinander stoßen zu lassen, sie zu einem Krieg zu führen, da es vollkommen natürlich ist, dass während eines Krieges die Unzufriedenen zunehmen werden und sie dann eine Hoffnung haben werden, die entscheidende Mehrheit zu einem Regierungswechsel zu erreichen und eine neue, für sie bequeme Regierung zu installieren. So ist der Frieden für das Individuum der Faktor, der auf direkte Weise den Frieden im Staat beeinflusst.

Wenn wir außerdem jenen ständig vorhandenen Teil der Gesellschaft in Betracht ziehen, für welchen der Krieg der Beruf und eine Hoffnung auf Fortschritt auf der Karriereleiter ist, das heißt die Berufssoldaten und Rüstungsspezialisten, welche eine gewichtige Minderheit in der Gesellschaft darstellen, und zu ihnen jene Minderheit hinzufügen, die mit existierenden Gesetzen unzufrieden ist, dann werden wir eine stets vorhandene überwiegende Mehrheit erhalten, die Kriege und Blutvergießen anstrebt.

Also sind der Frieden auf der Welt und der Frieden in einem einzelnen Staat voneinander abhängig. Daher sehen wir, dass sogar jener Teil der Staatsbürger, der im Moment mit der bestehenden Lage zufrieden ist, das heißt die klugen und unternehmerischen, dennoch ernsthaft über die Sicherheit des eigenen Lebens, infolge der Anspannung, die von den Zerstörern ausgeht, die sich unter ihnen befinden, besorgt sein muss. Verstünde man also den Wert des Friedens, wäre man sicher froh, die Lebensweise der letzten Generation zu übernehmen, denn was würde man nicht für die Rettung des eigenen Lebens hingeben?

Leiden verglichen mit Genüssen beim Empfangen für sich

Wenn wir hinschauen und den erwähnten Plan gut nachforschen würden, dann würden wir sehen, dass die ganze Schwierigkeit in der Notwendigkeit der Veränderung unserer Natur besteht, vom Willen, für sich zu empfangen, zum Willen, dem Nächsten zu geben, da das eine dem anderen widerspricht. Doch auf den ersten Blick scheint der Plan der Phantasie entsprungen, da er über der Natur des Menschen steht. Aber wenn wir uns vertiefen, dann werden wir verstehen, dass der ganze Widerspruch zwischen dem Empfangen für sich und dem Geben an den Nächsten nicht mehr als einfache Psychologie ist, da wir in der Praxis durch unsere Handlungen dem Nächsten geben, ohne irgendeinen Vorteil für uns daraus zu ziehen.

Das Empfangen für sich selbst wird, obwohl wir es uns in unterschiedlichen Formen vorstellen, wie der Besitz von Eigentum und alles, was Lust für das Herz, die Augen und den Magen ist, mit einem einzigen Wort definiert „Genuss“. Sodass das Wesen des Empfangens für sich, nach welchem der Mensch strebt, nichts anderes als der Wunsch ist, Genuss zu empfangen.

Und nun stellt euch vor: Wenn man einerseits alle Genüsse sammeln würde, welche der Mensch im Verlauf der siebzig Jahre seines Lebens bekommt, und andererseits alle Bitterkeit und Leiden, die er erträgt – wenn solch eine Schlussfolgerung vor seinen Augen stünde, würde er bevorzugen, gar nicht geboren zu werden. Und wenn dem so ist, was gewinnt dann der Mensch in unserer Welt, wenn er, sagen wir, im Verlauf seines Lebens zwanzig Prozent an Genuss gegenüber achtzig Prozent an Leiden erzielt? Denn wenn man das eine mit dem anderen vergleicht, dann bleiben sechzig Prozent an Leiden ohne jegliche Entschädigung.

Doch alles Gesagte ist eine persönliche Berechnung, wenn der Mensch für sich arbeitet. Und bei Berechnung im globalen Ausmaß produziert er mehr als er für seine Existenz und zum eigenen Genuss bekommt. Und wenn sich die Richtung der Absicht vom Empfangen ins Geben umwandeln wird, wird der Mensch Genuss im vollen Umfang dessen, was er produziert, empfangen ohne unendliche Leiden.

35  Anm. d. Übers.: Chassid ist jemand mit der Eigenschaft von Chessed (Gnade).

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