Der Code von Rabbi Shimon Bar Yochai

Von Michael Laitman

Der Sohar, das Buch der Bücher der Kabbala, wurde versiegelt, sofort nachdem es verfasst wurde, mit tausend Schlössern verschlossen und irrt schon seit vielen Jahrhunderten in der Welt umher. Als die Zeit reif war, wurde es von Baal Sulam von Neuem eröffnet.

Der Ort: Berg Sinai
Die Zeit: Mitte des zweiten Jahrhunderts unserer Zeit

Es sind stürmische Jahre, blutige Kriege finden in allen Teilen der Welt statt, das Menschenleben verliert jeden Wert. Macht, Ruhm und Besitz werden zum höchsten Wert.
Gleichzeitig sitzen in einer dunklen und engen Höhle im Norden Israels zehn Kabbalisten und schreiben an einem Buch über Ewigkeit und eine Liebe, die die ganze Welt umfasst.
Rabbi Shimon Bar Yochai sitzt am Kopf der Gruppe, sein Gesicht leuchtet, während er seinen Schülern die Geheimnisse der höheren Welt eröffnet. Seine Stimme ist ruhig, warm und liebevoll. Rabbi Abba sitzt nahe bei ihm, und obwohl die Nacht bereits angebrochen ist, glänzen auf seiner Stirn Schweißperlen. Er lauscht zittrig den gesprochenen Worten und schreibt sie in aller Genauigkeit auf, er versucht, kein Wort zu verpassen.
Die restlichen Schüler sitzen um sie herum. Ihre Augen sind geschlossen, während sie begierig die Worte der „Großen Leuchte“ verschlingen. Nichts deutet auf den inneren Sturm hin, den sie gerade erleben.
So wird, im Dunkeln der Nacht, Buchstabe nach Buchstabe, Wort nach Wort, das tiefgründigste und geheimnisvollste Buch der Lehre der Kabbala verfasst – „Das Buch Sohar“.


Die Geschichte des Buches Sohar beginnt in einer kleinen und finsteren Höhle in Pkiin, im westlichen Gallilgebirge, vor etwas weniger als zweitausend Jahren. Dort verstecken sich Rabbi Shimon Bar Yochai und sein Sohn, Rabbi Elazar, vor dem römischen Kaiser. Im Laufe von dreizehn Jahren bereiten sie sich darauf vor, ein Buch zu verfassen, welches den Lauf der Menschheitsgeschichte verändern soll. Tag und Nacht vertiefen sie sich in die Geheimnisse der Höheren Welt, erklimmen die höchsten spirituellen Stufen und klären und prüfen, was später im Buch Sohar stehen soll. In ihrem Herzen brennt ein einziger Gedanke – es ist die Zeit gekommen, der Welt die Geheimnisse der Schöpfung zu offenbaren.

Die Jahre vergehen wie im Flug, Rabbi Shimon und sein Sohn vervollständigen die Korrekturen, die sie tun mussten, und verlassen die Höhle. Um jedoch das Buch Sohar zu verfassen, muss Rabbi Shimon Schüler um sich sammeln, um mit deren Hilfe das Höhere Licht „herabzusenken“. Er selbst steht bereits auf einer zu hohen spirituellen Stufe, er hat bereits die Fähigkeit verloren, seine Erkenntnisse in der Sprache der Menschen zu erklären.

In kurzer Zeit sammelt er um sich neun kabbalistische Größen seiner Epoche – zehn Kabbalisten entsprechend den zehn Sefirot. Als Lernort bestimmt er die kleine Höhle im Gallilgebirge mit der Aussicht auf die Berglandschaft der Stadt Safed.

Durch die Verbindung zwischen ihnen erschaffen sie aus dem Nichts einen gemeinsamen spirituellen Bau, durch welchen Rabbi Shimon das Höhere Licht in die Welt hinabführt. Doch die Worte von Rabbi Schimon sind so verborgen, so verschlüsselt… Wie wird man sie an den Rest der Menschheit weiterleiten können?

Der erste Code in der Geschichte der Menschheit

„Und so lege ich es mit euch fest: Rabbi Abba soll schreiben, und Rabbi Elazar, mein Sohn, soll es mündlich [auswendig] lernen, und der Rest der Freunde soll es in ihren Herzen nachsagen.“ (Buch Sohar, Abschnit Haasinu)

Unter den Schülern von Rabbi Shimon Bar Yochai war ein Kabbalist, der mit einem besonderen Talent gesegnet war. Sein Name war Rabbi Abba. Er war der Einzige, der die Worte seines Lehrers so aufzuschreiben wusste, dass sie gleichzeitig offenbart und verhüllt waren. Was er von seinem Lehrer hörte, schrieb er so auf, dass wer schon bereit war, die Worte zu verstehen, sie in der ganzen Fülle verstand, und wer nicht bereit war, nur von ihrer äußeren Hülle phantasierte.

Das Buch Sohar bezeichnet dieses besondere Talent als „Offenbarung im Geheimen“. Eintausendachthundert Jahre später wird Baal Sulam so darüber schreiben: „Rabbi Abba wusste es, die Dinge so zu ordnen, dass sie für denjenigen, für den es sich zu begreifen lohnte, vollkommen offenbart waren, und vollkommen verdeckt und versiegelt für diejenigen waren, für die es sich nicht zu verstehen lohnte“ (Vorwort zum Buch Panim Meirot uMasbirot).

Sohar, das Buch der Bücher der Kabbala, erblickt zum ersten Mal das Licht der Welt und wird sofort von seinen Verfassern versteckt. Grund: die Menschheit ist noch nicht reif, damit es sich in der breiten Masse offenbart. „Das Buch“, so sagte Rabbi Schimon bar Jochai zu seinen Schülern, „wird sich erst in einer Generation offenbaren, wenn die Menschen von der egoistischen Entwicklung enttäuscht sein werden und danach suchen werden, den Sinn des Lebens zu offenbaren. Seine Aufgabe wird es sein, die Zeit der spirituellen Finsternis, das Exil zu beenden.“

Eine Wegkarte für die mit dem offenen Herzen

Viele Bücher wurden vor dem Buch Sohar verfasst, und Tausende haben seitdem das Licht der Welt erblickt, aber niemals ist eines verfasst worden, das dem Sohar in der spirituellen Kraft gleichkommt, die in ihm verborgen liegt. Der Sohar beschreibt die spirituelle Wirklichkeit, eine ewige und vollkommene Realität, die sich über den Schranken von Zeit und Ort befindet, eine Welt, für die unsere „armselige menschliche Sprache keinen verlässlichen und ausreichenden Ausdruck zu finden vermag, um auch nur ein Wort aus diesem Buch bis zum Ende zu erklären“, wie Baal Sulam schrieb.

Wenn dem so ist, wo ist dann die Öffnung, durch welche wir in das Geheimnis des Buches Sohar eindringen können? Wo ist der Schlüssel? Wie werden wir den Schatz enthüllen können, der dort von Rabbi Schimon und seinen Schüler vor uns verborgen wurde?

Baal Sulam liefert uns die Methodik: „Um die Worte des Heiligen Sohar zu verstehen, muss der Mensch rein von Selbstliebe sein. Und in diesem Grade kann man die Wahrhaftigkeit dessen begreifen, was der Heilige Sohar uns sagt. Sonst gibt es Schalen, welche vor uns die Wahrhaftigkeit dessen verdecken und verstopfen, was sich in den Worten des Sohar befindet“ (Shamati, Artikel „Um die Worte des Heiligen Sohar zu verstehen“).

Die Kabbalisten sind Menschen, die die Höhere Kraft erkannten, die Kraft der Liebe und des Gebens. In ihren Büchern beschreiben sie, was sie in der Höheren, spirituellen Welt entdeckten. Doch nur ein Mensch, der zur Wahrnehmung der Kraft der Liebe und des Gebens gelangt, kann ihre Worte verstehen, nur vor ihm öffnen sich die Schlösser des Buches Sohar und offenbart sich das Licht. Ein Mensch, der die Kraft der Liebe und des Gebens erkennt, beginnt, auf den 125 spirituellen Stufen emporzusteigen, und enthüllt die Zukunft, die Vergangenheit und die Gegenwart. Dann versteht er, dass das Buch Sohar nur vor demjenigen verschlossen ist, dessen Herz voller egoistischer Selbstliebe ist. Für den Menschen jedoch, dessen Herz für andere offen steht, stellt das Buch Sohar eine Wegkarte dar, die ihn auf den Wegen der spirituellen Welt leitet, zur Ewigkeit und zur Vollkommenheit.

…und in der Zwischenzeit in Spanien

Ort: Valladolid, Spanien
Zeit: fast 1.200 Jahre später

Es ist bereits die zweite Nacht, in der Rabbi Mosche de Leon kein Auge zumacht. Er sitzt in seinem Zimmer, gebeugt über einem antiken handschriftlichen Text, der zufällig in seine Hände gelangte, verblüfft angesichts der riesigen spirituellen Kraft, die zwischen den Zeilen hervorsticht. „Diese Schrift wurde von einem Riesen des Geistes verfasst“, denkt er für sich, „ihre Worte sind verschlüsselt, stumm… sollte sie ans Licht kommen, wird sie missverstanden werden, die Menschen werden sie nicht begreifen… kein Zweifel, die Menschheit ist noch nicht bereit für eine Massenverbreitung“.

Wenige Jahre nach seinem Tod, irgendwann zu Beginn des 14. Jahrhunderts, offenbart sich das Buch für alle. In einem der schweren Winter, die Spanien ereilten, war die Witwe gezwungen, die Handschriften zu verkaufen, die in ihrem Besitz waren, unter ihnen auch das Buch Sohar, um ein wenig Essen für sich selbst und für ihre Tochter zu kaufen. Ihr Mann hatte sie niemals in seine Gedanken eingeweiht. So erblickt nun, tausend Jahre nachdem es von Rabbi Shimon Bar Yochai und seinen Schülern versteckt wurde, das geheimnisvolle Buch erneut das Licht der Welt und verbreitet sich überall.

Trotz seiner Enthüllung trifft das Buch Sohar auf kein besonderes Interesse. Es bleibt vor dem breiten Publikum verschlossen und verriegelt. Es sind nur wenige Einzelne, die sich seinem Studium widmen, und noch weniger, die seinen Inhalt verstehen und ihm Bedeutung beimessen. Das Buch wandert von einer Stadt zur Nächsten, von einem Kabbalisten zum Anderen. In dieser Zeit lernen daraus nur die größten Kabbalisten. Sie stehen um Mitternacht auf, zünden eine Kerze an und verschließen fest die Fensterläden, um nicht gesehen und vor allem nicht gehört zu werden. Ehrfürchtig schlagen sie es auf und versuchen, die Realität, die vor unseren Sinnen verborgen ist, zu verstehen und zu erkennen.

Dieses Studium fand im Verborgenen statt, hinter verschlossenen Türen, sie verstehen, dass die Zeit noch nicht gekommen ist. Die Menschheit muss noch einige Jahrhunderte warten, bis zu einer Zeit, wenn sie reif wird, die im Buch Sohar verborgenen Geheimnisse zu offenbaren: bis zu unserer Zeit.

Der Lauf gegen die Zeit

Das zwanzigste Jahrhundert steht an der Tür, und die Menschheit gerät in ein Wirrwarr von Ereignissen. Die beispiellose technologische Entwicklung, und die mit ihr einhergehenden zwei Weltkriege sowie die Massenvernichtung ganzer Völker – das ist nur ein Teil der Erschütterungen, die die Welt in weniger als hundert Jahren erlebte.

Zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts findet sich die Menschheit in einer Sackgasse wieder. Nun ist mehr denn je eine grundlegende Veränderung von Nöten, und zwar schnell. Eine Methodik muss her. Auch wenn die Welt das nicht einsieht, so braucht sie doch eine besondere Seele, die Ursachen für alles, was um uns herum geschieht, erklären kann, die lenken, führen wird… Und so eine tritt zutage. Die Seele des Rabbi Shimon Bar Yochai steigt wieder in diese Welt hinab und kleidet sich in die Persönlichkeit des größten Kabbalisten unserer Generation – des Rav Yehuda Ashlag, auch „Baal Sulam“ genannt.

Die Uhr tickt. Er muss schnell handeln. Baal Sulam versteht, dass die Menschheit sich nur dann auf den neuen Weg begeben wird, wenn sie sich auf die neue Stufe entwickelt, die vor ihr steht, auf die spirituelle Stufe. Die Sorge um die Zukunft der Welt schlägt in seinem Herzen und gibt ihm keine Ruhe, „ich muss handeln“, hört er in seinem Kopf, „es ist die Zeit gekommen, um eine Lösung zu präsentieren, die Methodik zu offenbaren“.

Mit der für alle seinen Vorgänger charakteristischen Beharrlichkeit geht er ans Werk, in der festen Überzeugung, dass nun die Zeit gekommen ist, die Kabbala für die Menschheit zu enthüllen. Doch um eine Sache sorgt er sich: nachdem er die Spitze der spirituellen Leiter erklommen und alle Geheimnisse des Sohar erkannt hatte, verlor Baal Sulam die Fähigkeit, in der Sprache der Menschen zu schreiben… Seine spirituelle Stufe ist so hoch, dass sie von dieser Welt vollkommen losgelöst ist. Wie werden die Menschen ihn verstehen können? „Komme was wolle, auch wenn ich von meinem Niveau herabsteige, bin ich dazu verpflichtet, an den Schöpfer leidenschaftlich zu beten, dass Er mir Erkenntnisse und Wissen gibt, Prophetenworte und eine Sprache, damit ich den unglücklichen Menschen helfen kann und sie auf eine Stufe der Weisheit und des Genusses erheben kann, die meiner gleicht“ (Prophezeiung von Baal Sulam). In seiner Prophezeiung bittet Baal Sulam darum, jederzeit verständlich zu sein, auch für den Preis des Verzichts auf seine hohe spirituelle Stufe, denn es ist die Zeit gekommen, die Geheimnisse der Kabbala für die Welt zu offenbaren.

Die Schlösser öffnen sich


„Ich gab dieser Erklärung den Namen „Leiter“ (Sulam), um zu zeigen, dass ihre Aufgabe sich nicht von der Aufgabe einer Leiter unterscheidet, wenn du nämlich ein Reservoir voller alles Guten hast, dann fehlt dir nur eine Leiter, um dorthin aufzusteigen, und dann befindet sich alles Gute der Welt in deinen Händen“ (Vorwort zum Buch Sohar, P.55)

In einem verrückten Lauf gegen die Zeit bildet Baal Sulam Stufe nach Stufe „eine Leiter, welche die Menschheit bis zum Himmel führen wird“, zur Ewigkeit und Vollkommenheit.

Baal Sulam macht sich an seine Lebensaufgabe. Er nimmt das Buch der Bücher, welches Rabbi Shimon Bar Yochai verfasste, und schreibt das umfassendste Kommentar zum Buch Sohar, den Sulam-Kommentar („Die Leiter“). Er arbeitet achtzehn Stunden am Tag, und gönnt sich keine Ruhe. Sein Vorhaben ist zu wichtig, um an sich selbst zu denken. „Die Zeit ist kurz und zu vieles liegt in der Schale der Waage. Ich muss es schaffen, ich muss…“, sagt er sich immer wieder. Baal Sulam verfasst Bücher und Artikel, bringt eine Zeitung heraus, trifft sich mit den zionistischen Führern, er ist bereit, Kabbala jedem Menschen von der Straße zu erklären, nur dass jemand es hört.

Seine Gedanken, die von einem Teil seiner Umgebung als revolutionär wahrgenommen wurden, erlangen immer mehr eine feste Form. Die Arbeit, die von ihm erforderlich ist, ist keineswegs einfach. An ihm ist es, die Vorhänge runterzureißen, die Unwissenheit zu beseitigen und die Aberglauben zu widerlegen, die der Kabbala seit jeher anhafteten. Doch vor allem muss er eine Methodik für spirituelle Entwicklung erarbeiten, die sich für jeden Menschen unserer Generation eignen wird.

Buchstabe um Buchstabe, Wort um Wort, Jahr um Jahr verwirklicht sich der Traum der Kabbalisten und aus einem Wunschtraum wird Realität – die Kabbala wird für jeden Menschen zugänglich, ohne jede Vorbedingung. Aus den letzten Kräften schafft es Baal Sulam, seiner Aufgabe gerecht zu werden.

Er übersetzt und erklärt alle Worte von Rabbi Shimon Bar Yochai und wird so zum Bindeglied, das uns einen Zugang zu den Schriften der Kabbalisten ermöglicht. Dieser große Mann führte eine spirituelle Revolution an, deren Früchte wir heute ernten. Durch seinen Verdienst wurde der Kreis geschlossen, den Rabbi Shimon Bar Yochai und seine Schüler begannen. Ein Buch, welches durch Rabbi Shimon mit tausend Schlössern verriegelt wurde, wird heute mit einem einzigen Schlüssel entriegelt: dem Kommentar Sulam auf den Sohar. Alles, was wir noch tun müssen, ist es, es zu öffnen und gemeinsam die Leiter zu erklimmen, die zum Spirituellen führt, zu den verborgensten Geheimnissen des Buches Sohar.

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